Von erstaunlichen archäologischen Funden – zumeist Artefakten aller Art – war hier schon des öfteren die Rede. Doch was nun gefunden wurde, übertrifft alle Erwartungen: die sterblichen Überreste von fast fünfzig Einwohnern Wladimirs aus dem 13. Jahrhundert, alle auf grausame Weise umgekommen bei der Erstürmung der Stadt durch die Goldene Horde. Regelrecht hingemetzelt wurden sie, Männer, Frauen, Kinder. Bei den Männern, die ihre Stadt verzweifelt verteidigten, finden sich oft sogar Mehrfachverletzungen. Einen von ihnen nannten die Archäologen sogar den “Helden”, weil er offenbar mit einem Pfeil und einer Lanze im Leib noch immer weiterkämpfte, bis er schließlich doch fiel.
Gemacht wurde der Fund ganz im Zentrum der Altstadt, in der Slatowratskajastraße, der Straße des Goldenen Tors, wo man das Fundament eines alten Anwesens untersuchen wollte. Dabei geriet den Wissenschaftlern eine Streitaxt in die Hände, Anlaß genug, um an der Stelle weiterzugraben. So stieß man auf das Massengrab, das sich sogar datieren läßt. Denn es war der 23. Februar 1238, als die Hauptstadt der Rus von den Mongolen nach kurzer Belagerung eingenommen wurde, jener Tag, an dem Wladimir für immer seine politische und geistliche Rolle verlieren sollte. Die tatarischen Reiter unter Khan Batu hatten vorher bereits Rjasan in Schutt und Asche gelegt und sich gut auf den Sturm Wladimirs vorbereitet. Man durchbrach die Verteidigungslinien und zielte unmittelbar auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, wohin sich die Wladimirer geflüchtet hatten. Den Rest sollte man sich in Andrej Tarkowskijs Film “Andrej Rubljow” ansehen, der an Originalschauplätzen gedreht wurde.
Die Funde geben aber auch über vieles andere Aufschluß. Bereits archivierte Artefakte lassen sich nun besser einordnen, Gebrauchsgegenstände kommen wieder zu ihren Schöpfern und Verwendern zurück. Und es läßt sich nachvollziehen, wie der Prozeß der Assimilierung der ursprünglich hier siedelnden finno-ugrischen Stämme mit den Slawen vonstatten ging. Auskunft erhalten die Wissenschaftler nun aber auch über den Gesundheitszustand der damaligen Bewohner, und von weiteren Funden erhofft man sich auch, genauere Angaben zur Bevölkerungszahl machen zu können. Man muß ja nicht unbedingt dem Romantiker Novalis folgen, der meinte: “Der Tod – ist das Leben. Durch den Tod wird das Leben verstärkt.” Dem halben Hundert Toter verdanken wir jedoch ein besseres Verständnis des Lebens in einer fernen Zeit.




