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Archiv für 24. August 2011


“Eine alte Stadt mit Zukunft”, so in etwa könnte das Motto der Partnerstadt bald lauten. Doch wir wollen dem nicht vorgreifen, was erst noch zu beschließen ist vom Runden Tisch, den Wladimirs Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, unter Einbeziehung aller Bevölkerungsschichten gleich nach seinem Amtsantritt im April angeregt und ins Leben gerufen hat. Zu einem Treffen Ende Juli mit der thematischen Vorgabe “Entwicklungsstrategie. Blick in die Zukunft.” kamen sogar Fachleute für Regionalplanung und von der Zivilgesellschaftlichen Kammer aus Moskau.  
Sergej Sacharow

Die Marschrichtung hatte Sergej Sacharow vorgegeben: “Eine Strategie ist kein Generalplan zur Entwicklung Wladimirs. Wir schlagen vielmehr ein ganz neues Kapitel unserer Stadt auf, das erstmals alle Bürger der Stadt mitschreiben können. Viele Städte haben ja schon ihre Motti: Iwanowo zum Beispiel als Stadt der Bräute oder Welikij Ustjug als Heimat von Väterchen Frost. Etwas in der Art müssen wir auch für Wladimir erarbeiten. Dazu wurden Arbeitsgruppen für insgesamt sieben Bereiche eingerichtet. So lassen sich Ideen generieren und Verständnis dafür entwickeln, wohin wir uns in Zukunft entwickeln und in welcher Stadt die Menschen gerne leben möchten.”

Die neue Strategie soll auf fünfzehn Jahre angelegt sein, und bis dahin soll Wladimir einen würdigen Platz unter den russischen Städten einnehmen – mit viel Lebensqualität. Von einer Mission spricht sogar Pawel Schdanow, als Vizebürgermeister zuständig für die Kommunalbetriebe, wenn er fordert nicht nur an die Großinvestoren zu denken, sondern auch dafür zu sorgen, daß die Bürger ihr in Wladimir verdientes Geld nicht andernorts ausgeben. Dabei denkt er nicht nur an den Privatkonsum, sondern auch an die Förderung des Mittelstands, wenn er darauf hinweist, daß 90% aller Geräte für Kinderspielplätze außerhalb der Region Wladimir produziert werden, obwohl das alles auch vor Ort möglich wäre.

Doch Sergej Sacharow und den Sprechern der Arbeitskreise geht es um mehr als nur darum, dafür zu sorgen, daß der Rubel in Wladimir rollt; entscheidend ist, jedem das Gefühl zu geben, für das Schicksal seiner Stadt mitverantwortlich zu sein, gehört zu werden, beteiligt zu sein. Dazu braucht es Bürgerbeteiligung in Politik und Ehrenamt, Würdigung von sozialem Engagement, Mitspracherecht in Gremien. Weg von einer gelenkten Demokratie. Bürgermut statt Bürgerwut. Wladimir hat das Potential dazu, hat die Menschen. Nun muß es gelingen, die besten Köpfe in der Stadt zu halten – und das nicht nur, weil sie in Moskau oder Petersburg nichts Besseres finden, sondern weil sie ihre Heimatstadt mitgestalten wollen.
 
Ganz gleich, was am Ende des Diskussionsprozesses steht. Wichtig ist, daß das Ergebnis nicht vorgegeben ist, sondern von allen mitgestaltet wurde, von allen zu vertreten und zu verantworten ist. Ganz im Sinne von dem, was man unter “Grassroots” versteht. Diese Graswurzeln wurden zwar von Sergej Sacharow gesät, aber man darf darauf vertrauen, daß er über das, was da nun alles aufgeht, nicht mit dem Rasenmäher drübergeht, sondern jedem Kraut und Sproß zu wachsen zugesteht, auf daß Wladimir blühe wie eine Blumenwiese und zu einer Stadt der Ideen werde.   
 
Noch aber kann es in Rußland gefährlich sein, wenn Politiker allzu großen Reformeifer an den Tag legen. Am Montag nämlich wurde der Bürgermeister von Sergijew Possad, dem früheren Sagorsk,  auf der Route der jüngsten Bürgerreise gelegen, beim Verlassen seiner Wohnung erschossen. Jewgenij Duschko, das 35jährige Oberhaupt des Wallfahrtsorts für russisch-orthodoxe Pilger und UNESCO-Weltkulturerbes, hatte wie sein Wladimirer Kollege erst im April das Amt angetreten – und sich gleich mit dem organisierten Verbrechen und dem verfilzten Machtapparat im Bereich der Kommunalwirtschaft angelegt. Da alles für einen Auftragsmord spricht, muß man auch davon ausgehen, daß die Strippenzieher des Kapitalverbrechens in diesen Kreisen zu suchen sind. Auch Sergej Sacharow muß noch manchen Augiasstall ausmisten und darf dafür weder Dankbarkeit oder gar versprochenen Lohn erwarten. Aber es ist ihm wirklich zu wünschen, daß er seine Herkules-Aufgaben meistert, nicht allein, sondern mit seinen Wladimirern für das neue alte Wladimir, in dem Politik und Zivilgesellschaft keine Gegensätze mehr bilden. 

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