Urlaubszeit, Sonntag. Zwei Gründe genug für Amnesty International Erlangen ihre Solidaritätskundgebung für die Menschenrechtler in Rußland allgemein und in Wladimir besonders vom 31. Juli auf den 1. August zu verlegen und am Montag um 18.00 Uhr auf dem Hugenottenplatz für die durch den Artikel 31 der russischen Verfassung garantierte, aber durch Verordnungen, Bestimmungen und Auflagen unterhöhlte Versammlungsfreiheit zu demonstrieren. Auch wenn und gerade weil es zunächst nur drei aufrechte Frauen waren, später verstärkt durch eine vierte, zeigt sich da eine Gesinnung der man Respekt zollen darf. Zumal Amnesty International Deutschland nicht mehr zu landesweiten Aktionen an jedem 31. eines Monats aufruft, sondern mögliche Mahnwachen den Ortsgruppen überläßt. Erlangen will zumindest solange noch auf die Straße gehen, wie das auch Wladimir tut. Für den kommenden 31. August könnte man – wiederum aus zwei Gründen – noch Unterstützer brauchen. Einmal ist da noch immer Urlaubszeit, und zum andern hat Amnesty International da auch einen Stand beim Poetenfest zu betreuen. Geistesverwandte Freiwillige können sich melden unter info@amnesty-erlangen.de.
In Wladimir hat die Journalistin Natalia Nowoschilowa, 2003 für ihren Artikel “Menschenrechte und Festigung der Zivilgesellschaft in Rußland” mit dem Diplom von Amnesty International ausgezeichnet, zwar zwei Wochen auf die Genehmigung für die Kundgebung warten müssen, aber immerhin kam – wie bisher immer – am Freitag noch rechtzeitig grünes Licht vom Ordnungsamt. Für die gleiche Zeit, 17.00 Uhr, und den gleichen Ort, Theaterplatz, war übrigens ein Brautfest angemeldet, das dann aber doch vorverlegt wurde. Auch der Himmel meinte es gut mit den Demonstranten. Den ganzen Tag über hatte es geschüttet, bis es am späteren Nachmittag aufhellte. Doch auch in Wladimir war am 31. Sonntag in der Urlaubs- und Datschazeit. Sogar im Zentrum also wenig los, kaum Passanten. Dafür war einer im Rollstuhl gekommen, um das Schild “Nieder mit der Gesetzlosigkeit!” hochzuhalten, der das Zeug zu einer Symbolfigur des Wladimirer Kampfes für das Versammlungsrecht hat: Boris Wassiljew. Der leidenschaftliche Radfahrer war im März unter die Räder eines O-Busses geraten. Ärztliche Kunstfehler führten zu Wundbrand und Abnahme eines Beines, was ihn nicht hindert, den weiten Weg von seiner Wohnung bis zum Versammlungsort zu finden. Selbst wenn der Körper zum Sitzen gezwungen ist, kann man eine aufrechte Haltung einnehmen.
Nicht überall ging es so friedlich zu wie in Wladimir. In Moskau hatte man wieder einmal den Triumphplatz gesperrt – dieses Mal wegen Ausgrabungen, die angeblich einer historischen Bedürfnisanstalt galten -, was Aktivisten dennoch nicht abhielt, dort eine nicht genehmigte Sitzblockade einzurichten, die mittels einiger Handgreiflichkeiten aufgelöst wurde und etwa sieben Dutzend Demonstranten zu einer Freifahrt mit der Grünen Minna durch die Hauptstadt mit anschließender Verwarnung und Freilassung verhalf. Nur Sergej Udalzow, Führer der “Linken Front”, wurde zu 15 Tagen Haft verdonnert. Zu ähnlichen Szenen kam es in St. Petersburg, Nischnij Nowgorod und Rostow am Don. Aber es zeigt sich auch, daß die Demokratie nicht überall im Land in diese Richtung gelenkt wird. Denn überall sonst blieben – wie in Wladimir - die “Nichteinverstandenen”, wie sich die Oppositionellen nennen, unbehelligt. Es sei denn Unteroffizier Prischibejew aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von Anton Tschechow ist an ihren Reihen vorbeikommen und hat mit seiner rauhen Fistelstimme gerufen: “Auseinander! Keine Volksaufläufe! Ab nach Hause!”
S. auch: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/06/01/in-solidaritat-versammelt/ und http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/05/29/danke-das-es-euch-gibt/





