Es ist ein ein Wladimirer, dessen Stimme unzertrennlich mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden bleibt, eine Stimme aus Wladimir. Jurij Lewitan, 1914 in Wladimir geboren, hatte als Schüler wegen seines klangvoll-mächtigen Organs den Spitznamen “Sprachrohr” und wurde tatsächlich – nomen est omen – nach seinem Umzug in die Hauptstadt und dem vergeblichen Versuch, das Schauspielerhandwerk zu erlernen - er rasselte bei der Prüfung auf Grund seines Wladimirer Akzents durch -, zum Radioansager, dessen unverwechselbar moduliertes Timbre die laufenden Ereignisse in der Sowjetunion bis zu seinem Tod 1983 in Moskau begleitete. Es war Jurij Lewitan, der am 22. Juni 1941 die Schreckensmeldung vom Überfall der Hitlertruppen auf die Sowjetunion verlas, es war Jurij Lewitan, auf den die Faschisten ein Kopfgeld ausgesetzt hatten, der am 9. Mai 1945 den Sieg über das Dritte Reich verkündete. Ausgerechnet im Jahr der Gründung der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir verstummte die Stimme von Radio Moskau für immer, so daß wir nicht wissen, was sie zu den aus heutiger Sicht historischen Anfängen einer Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen gesagt hätte. So blieb nur die Erinnerung an seine Worte zum 22. Juni 1941 am Beginn des gestrigen Gedenktages, von dem Jurij Lewitan, hätte er ihn noch erlebt, viel zu berichten gehabt hätte von Deutschen, die mit Frieden im Herzen in seine Heimatstadt gekommen sind und als Freunde aufgenommen wurden.
Nach der Gedenkfeier auf dem Platz des Sieges – der Blog berichtete gestern fast in Echtzeit – besuchte Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, begleitet von der neuen Leiterin des Amtes für Internationale Beziehungen, Anna Makarowa, und Erlangens Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, den Blauen Himmel, dieses mittlerweile wohl wichtigestes Projekt im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir. Bei jedem Besuch gibt es neue Entwicklungen zu bestaunen, kann man sich darüber freuen, daß immer mehr Einrichtungen und Organisationen vor Ort mit dem Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik kooperieren. Und schon in wenigen Tagen findet hier in Kooperation mit der Geisteswissenschaftlichen Universität eine deutsch-russische Konferenz von Fachleuten statt, die weit über Wladimir hinaus Beachtung findet.
Tamara Goljakowa hat allen Grund, sich über die Entwicklung ihres Zentrums zu freuen: Der Spielplatz ist jetzt dank der Hilfe aus Erlangen – vermittelt von Projektkoordinator Wolfram Howein – in bestem Zustand und mit allem ausgestattet, was Kinder für ihren Bewegungsdrang benötigen. Aber der Erfolg bringt auch Sorgen mit sich. Die Nachfrage ist so groß, daß man gut und gerne noch einmal 20 Kinder, also insgesamt 40 unterbringen und betreuen könnte. Im zweiten Stock wäre das durchaus möglich, meint die Leiterin des Blauen Himmels. Dann aber müßte man anderswo Räume für das Personal schaffen. Vor allem aber müßte man das Team aufstocken. Ohnehin sind es zu wenig Mitarbeiter, nur ein Dutzend, wo eigentlich das Doppelte gebraucht würde. Und dann bräuchte man auch noch mehr Spielfläche. Einiges von dem Grundstück wurde mittlerweile “privatisiert”, steht für die Kinder also nicht mehr offen. Notwendig wäre also zumindest die Sicherheit, daß das Gelände wenigstens in der jetzigen Größe erhalten bleibt. Schließlich steht demnächst auch eine Entscheidung darüber an, ob der Blaue Himmel weiter als soziale oder als medizinische Einrichtung geführt wird, was unter anderem auch Einfluß auf die Finanzierung hätte.
Aber die Kinder soll das nicht kümmern. Wieder ist eine Gruppe von 20 Jungen und Mädchen - bewußt aus verschiedenen Altersgruppen, damit die älteren lernen, sich um die jüngeren zu kümmern – für zwei Wochen in Penkino, um Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl zu erlernen. Die Kinder kommen dieses Mal aus dem Heim für Sehbehinderte und schwierigen familiären Verhältnissen, die natürlich auch ärztlich betreut werden von Wiktor Panarin, der Erlangen bereits aus privaten Besuchen kennt, weil dort seine Tochter mit einem russischen Wissenschaftler verheiratet ist. Die Welt ist eben klein, besonders die der Partnerschaft.
Am späten Vormittag – mit reichlich Verspätung – beginnt dann eine Führung durch eine einzigartige Welt der Technik, “einen ganzen Kosmos der Möglichkeiten”, wie Elisabeth Preuß staunend ausruft. Was da im mittlerweile eingemeindeten Vorort von Wladimir, in Jurjewez, im Lauf von sechs Jahren unter der Führung von Stanislaw Blinow entstanden ist, dürfte tatsächlich Seltenheitswert haben und sucht Seinesgleichen sicher auch in Deutschland. Die Rede ist von der Zentralstelle des Russischen Katastrophenschutzes, einer föderalen Einrichtung, so unter einem Dach all das zusammengefaßt ist, was in Deutschland in die Kompetenz von verschiedenen Organisationen fällt, am ehesten noch mit dem THW zu vergleichen.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: 90 Mitarbeiter in Jurjewez und noch einmal 400 über die ganze Region verteilt haben hier Zugriff auf Suchhunde, Amphibien- und Löschfahrzeuge, Geräte für die Wasserwacht, einen Leichthubschrauber, mobile Labors, Mienenentschärfung, Dekontamination. Ein ganzer Fahrzeugpark steht dem Gouverneur als mobile Einsatzzentrale zur Verfügung. Damit längst nicht genug. In eigenen Werkhallen werden nicht nur die Geräte und Fahrzeuge gewartet und repariert, man fertigt sogar selbst technische Teile und hat eine eigene Abteilung für Maschinenbau. Die TÜV-Abnahme macht man ebenso selbst wie die Prüfung des Wladimirer Allerleis von technischen Anlagen. Sogar am Silvesterabend, so Stanislaw Blinow, kann es sein, daß man noch zu einem Einsatz gerufen wird, um medizinisches Gerät für das Kinderkrankenhaus an Ort und Stelle zu bringen und einsatzbereit zu machen. Um selbst stets einsatzbereit zu sein, erwirtschaft man übrigens über kostenpflichtige Dienstleistungen bis hin zur Sprengung von Gebäuden einen beträchtlichen Anteil des Budgets.
Aber das Zeitbudget läßt nicht mehr Zeit, denn noch vor dem Mittagessen erwartet Pawel Litow die Gäste in der Hauptwache seiner Feuerwehr mit ihren acht Filialen in der ganzen Stadt. Wladimirs oberster Feuerwehrmann, zuständig auch für Susdal, hat seinen Freunden in Erlangen schon ein kleines Denkmal gesetzt. Eine liebevoll gestaltete Photowand. Aber dabei läßt es der umtriebige Major nicht bewenden. Er ist schon dabei, eine freiwillige Jugendfeuerwehr zusammenzustellen und will vor allem in den Vororten auf das ehrenamtliche Engagement bei der Brandbekämpfung setzen. Für die Stadt selbst, zeigt er sich überzeugt, habe er bisher noch genug Berufskräfte. Nun erwartet er seine Kollegen aus Erlangen und Jena, um möglichst rasch und intensiv die im Frühjahr aufgenommene Zusammenarbeit fortzusetzen.
Noch einmal kehren die Gäste aus Erlangen am Nachmittag zum Platz des Sieges zurück, um gemeinsam mit den Freunden und Partnern eine Friedenseiche zu pflanzen. Nicht von ungefähr eine Eiche, denn beide Völker verbinden mit ihr Stärke, Lebensmut, Langlebigkeit, all das eben, was auch die Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir auszeichnet. Erinnerungen werden wach an die ersten Baumpflanzaktionen in den frühen 80er Jahren oder an die Friedensallee, gepflanzt 2003 zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtefreundschaft. Und Erinnerungen werden wach beim anschließenden Zusammensein mit den Wladimirer Kriegsveteranen im Haus der Offiziere auf dem Kathedralenplatz. Erinnerungen an Dutzende von Begegnungen der einstigen Gegner, beginnend mit dem Besuch der ersten Veteranendelegation unter Leitung von Heinrich Pickel im Juni 1991, die buchstäblich Versöhnungsgeschichte geschrieben hat, denn das von den Gastgebern ausgegebene Motto lautete: “Wir wollen einander das Böse nicht mehr anrechnen!”
Bewegend, was diese altersweisen Männer zu erzählen wissen, was sie vermitteln wollen. Und mitten unter ihnen Wolfgang Morell, dem man in Wladimir damals, 1942, das Leben zurückgegeben hat, mitten unter ihnen Sergej Sacharow, der noch so junge Oberbürgermeister, dessen Biographie aber auch noch vom Krieg geprägt ist. Im Sommer will er gemeinsam mit seinem Vater in die Region St. Petersburg aufbrechen, um das Massengrab zu besuchen, in dem der Cousin des Vaters bestattet ist. Erst vor kurzem wurde der bisher nur als vermißt gemeldete Verwandte per Internetrecherche gefunden. Und dann noch eine Geschichte, die erst noch zu erzählen ist und hier nur angedeutet werden kann: Die Großmutter arbeitete in dem Hospital, in dem Wolfgang Morell behandelt wurde, und der Großvater lag seinerzeit im Lazarett, das sich damals im Haus der Offiziere befand, just da, wo nun die Veteranen beider Städte zusammenkommen.
Kein Wunder, daß hier niemand etwas auf das Stadtoberhaupt kommen läßt. Im Gegenteil, die Hoffnungen sind groß und die Dankbarkeit ist echt, denn noch nie haben die Veteranen mehr Aufmerksamkeit von der Politik erfahren als gerade seit dem Amtsantritt von Sergej Sacharow. Und Wolfgang Morell spricht ihm auch noch im persönlichen Gespräch seine Anerkennung aus. Da schließen sich Kreise und Wunden, und da geschieht das Wunder der Vergebung und Versöhnung.











