Es war eine Veranstaltung von Jugendlichen für Jugendliche, – und doch galt sie den Ereignissen, die heute vor 70 Jahren über die Sowjetunion hereinbrachen. Um 4.00 Uhr, also genau um die Zeit, als das Unternehmen Barbarossa seinen schrecklichen Lauf zu nehmen begann, versammelten sich einige Hundert junge Menschen gemeinsam mit den letzten Zeitzeugen auf dem Platz des Sieges vor der Ewigen Flamme, u m der Opfer des Großen Vaterländischen Krieges zu gedenken und den Frieden zu beschwören. Unter den Ehrengästen Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell, Kriegsveteran, der acht Jahre in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hat, und der Partnerschaftsbeauftragte, Peter Steger. Erstmals waren an diesem Gedenktag und zu dieser Stunde die Stimmen von Deutschen zu vernehmen, von Deutschen, die längst zu Freunden und Partner geworden sind und die sich gerade wegen ihrer gemeinsamen Geschichte in der besonderen Verpflichtung sehen, auf der Welt den Frieden zu erhalten.
Unmittelbar nach Oberbürgermeister Sergej Sacharow und City-Manager Andrej Schochin wandte sich Bürgermeisterin Elisabeth Preuß mit folgender Rede an die Versammelten:
Liebe Wladimirer,
als heute vor 70 Jahren, fast auf die Sekunde genau, Rußland von deutschen Truppen überfallen wurde, begann eine beispiellose Barbarei. Verbrannte Erde, zerstörte Dörfer und Städte, vernichtetes Menschenleben; noch Jahrzehnte danach schämen wir uns, daß Soldaten aus dem Lande von Ludwig van Beethoven oder Johann Sebastian Bach jegliche Kultur, Geistesbildung und Menschlichkeit über Bord warfen und wie eine grausame Todeswalze die Sowjetunion überrollten.
Die Partnerschaft zwischen unseren Städten stellte von Anfang an den Gedanken der Versöhnung, des Friedens und der Friedenserziehung in den Vordergrund. Und vor genau 20 Jahren standen die ersten Erlanger Kriegsveteranen hier vor der Ewigen Flamme. Damals wurde Versöhnung mit Händen greifbar. Die Veteranen spielen in der Partnerschaft eine tragende Rolle, an Gedenktagen wie dem heutigen ebenso wie bei Gesprächen mit jungen Leuten. Die Kontakte zwischen den Veteranen gehören zu den beglückenden und großen Momenten der Partnerschaft.
Noch nie hat ein Erlanger Politiker am heutigen Gedenktag sprechen können. Ich danke Ihnen dafür, für meine Stadt, die Wladimir so eng verbunden ist, sprechen zu dürfen. Dabei kann ich die Politikerin nicht von dem Familienmenschen in mir trennen, zu lebendig sind an einem Tag wie diesem die Erinnerungen an das, was in den Familien meiner Mutter und meines Vaters geschah.
Meine Mutter lebte in den Niederlanden. Das kleine, völlig wehrlose Land wurde von der deutschen Kriegsmaschinerie in kürzester Zeit verschluckt, die Bevölkerung zu Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, vor allem in den großen Städten herrschte Hunger und Verzweiflung. Meine Mutter wurde von beidem geprägt. Meinen Geschwistern und mir gab sie daher mit auf den Weg, die Grundrechte aller Menschen in allen Ländern zu achten und zu ehren. Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Er war in der Naziterrorherrschaft fast von Anfang an dabei, war an Greueltaten auch in der Sowjetunion beteiligt und ist nie aus dem Krieg zurückgekehrt.
Er muß aber doch einen letzten Funken Ehre in sich erhalten haben, denn bei seinem letzten Heimaturlaub nahm er meinen damals zwölfjährigen Vater beiseite und sagte zu ihm: „Mein Junge, die deutschen Soldaten tun Dinge, die sind so schrecklich, die kann kein Mensch jemals verzeihen“.
Mit der Bürde dieser Worte, die der Junge damals nicht begriff, deren Bedeutung er erst Jahrzehnte später erkannte, floh mein Vater wenig später mit seiner Mutter und den kleinen Brüdern in klirrender Kälte zu Fuß, um weiter westlich ein neues Leben zu beginnen. Auch er, wie meine Mutter, erzog uns vier Kinder im Sinne von Versöhnung, Achtung der Menschenwürde und dem unerschütterlichen Wissen, daß so ein Krieg nie wieder sein darf.
Darum sind Tage wie der heutige so wichtig: Als Mahnung, niemals zu vergessen, als Verpflichtung, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Darum sind auch Städtefreundschaften wie die zwischen Erlangen und Wladimir so wichtig: Sie sind Basis für Freundschaft zwischen unseren Völkern, und wir danken dafür, daß die einstigen Feinde, die aufeinander geschossen haben, jetzt als Freunde hier stehen und gemeinsam im Lichte der Ewigen Flamme als Botschafter des Friedens wirken. Ich danke für die Aufmerksamkeit.
Das Schlußwort – welche eine Symbolik! – hatte nach den Ansprachen der Wladimirer Veteranen Iwan Mochin und Nikolaj Schtschelkonogow, die sich beide ausdrücklich an die Erlanger Gäste wandten und für deren Versöhnungsgeste dankten - Wolfgang Morell. Er hielt seine bewegende Rede in russischer Sprache, bis zur Perfektion erlernt in seiner Lagerzeit, weshalb sie hier als Übersetzung ins Deutsche wiedergegeben wird.
Liebe Wladimirer, liebe Freunde,
als letzter wendet sich an Sie ein deutscher Zeitzeuge jenes verhängnisvollen Tages vor 70 Jahren, der uns den Anlaß für diese Gedenkstunde gibt. Ich hatte damals gerade das Gymnasium abgeschlossen und wartete auf meine Einberufung. Ich erinnere mich noch ganz klar an den 22. Juni 1941. Es war ein strahlender Sonntag, noch früh am Morgen, als mich meine Mutter mit dem Ausruf weckte: “Jetzt greifen die Unseren Rußland an.”
Ein lastendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Ungefähr gegen 8.00 Uhr trat unser Propagandaminister Goebbels im Radio auf und behauptete, die Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine sogar die Mehrheit – glaubte ihm. Wir, meine Familie, wir glaubten ihm nicht! Warum?
Mein Bruder, damals Soldat bei der Artillerie an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen, hatte unter anderem die Aufgabe, das Schußfeld im Osten zu dokumentieren. Wir waren also informiert über den Gang der Dinge… Doch was ich damals noch nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. Die Gefangennahme war für viele Soldaten an der Ostfront, so auch für mich, etwas, das man sich in den dramatischsten Farben ausmalte. Ich verdanke mein Leben nur dem Versagen meines Karabiners!
Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald. Zu meinem Glück brachte man mich ins Militärhospital nach Wladimir, das damals in der Lunatscharskijstraße lag. Hier pflegte man mich innerhalb von sechs Monaten wieder gesund, als wäre ich einer von den eigenen Leuten, ein Rotarmist. Deshalb sage ich voller Überzeugung: In Wladimir hat man mir das Leben zurückgegeben! Hier vollzog sich auch die Kehrtwende – von Mißtrauen und Feindschaft hin zu Verständigung, Partnerschaft und Freundschaft. Für mich liegt ein tiefer Sinn darin, daß ausgerechnet die Stadt, deren Bewohnern ich für immer zu Dank verpflichtet bleibe, eine Partnerschaft mit meiner Heimatstadt Erlangen pflegt.
Wir haben hier voll der Achtung der Opfer gedacht, die jener unglückselige Krieg auf beiden Seiten forderte. Bitte lassen Sie uns an dieser Stelle gerade auch besonders der Kameraden beider Seiten gedenken, die in Gefangenschaft ums Leben kamen und jetzt die ewige Ruhe gefunden haben. Danke!
Eine würdige Veranstaltung hat diesen Gedenktag eröffnet, eine Veranstaltung die ihren symbolischen Abschluß mit dem Niederlegen von Blumen an der Ewigen Flamme fand und mit einem ganz neuen Brauch, den sich die Jugendlichen im Vorjahr ausgedacht haben. Man behängt Bäume mit kleinen Friedensglocken. Elisabeth Preuß und Sergej Sacharow haben gemeinsam ihre Glöckchen hinter dem Denkmal für den Unbekannten Soldaten aufgehängt. Ein stiller Zweiklang gegen alle Kriegsrhetorik dieser Welt, ein Vermächtnis für die Friedensarbeit der Städtepartnerschaft.










