Der 50. Geburtstag von Amnesty International schaffte es gestern sogar in die Hauptausgabe der Tagesschau mit einem Kurzbericht. Da will sich der Blog natürlich nicht lumpen lassen und eine kleine Rückschau halten auf wenigstens zwei Programmpunkte des gestrigen Gartenfests im E-Werk, das am späten Vormittag begonnen hat und bis weit in den Nachmittag hinein dauerte. Gegen 15.00 Uhr waren die Grußworte angekündigt. Eines davon, das vom Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, sei hier in voller Länge wiedergegeben, betrifft es doch unmittelbar Wladimir und die Partnerschaft:
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde von Amnesty International!
In der Partnerschaft mit Wladimir gibt es viele Besonderheiten. Sie zeichnet sich auf ganz eigene Weise dadurch aus, daß viele Vereine und Organisationen dort gewissermaßen ihre Filialen eröffnet haben: Soroptimist International, Lions, Erlanger Fotoamateure, International Police Association, um nur einige zu nennen. Hierher gehören aber auch das Bayerische Rote Kreuz Erlangen-Höchstadt, das mit dem Roten Kreuz in Wladimir kooperiert, oder der Erlangen Verein Nadeschda, der eng verbunden ist mit der katholischen Rosenkranzkirche in der Partnerstadt. Es sind vor allem diese bürgerschaftlichen, zivilgesellschaftlichen Verbindungen, die das Wesen der Partnerschaft ausmachen, ohne die unsere Beziehungen nicht leben würden.
Eine ganz besondere Rolle spielt dabei Amnesty International. Nichts für die Schlagzeilen hierzulande, aber in der Sache unverzichtbar wichtig. Die Erlanger Amnesty International Gruppe war erstmals im September 2000 in Wladimir. Seither ist viel geschehen. Es gibt eine eigene AI-Gruppe, das Thema Zivilgesellschaft ist ganz oben in der Politik angekommen – Stichwort „Petersburger Dialog“ -, und es ist an der Zeit, wie ich meine, einen neuen Besuch zu planen, sogar auch einmal jemanden aus Wladimir einzuladen, um zu dem Thema zu sprechen. Wer könnte da besser geeignet sein, als Natalia Nowoschilowa, Journalistin, Mitglied von Amnesty International und ausgezeichnet mit dem Gerd-Bucerius-Menschenrechtspreis. Sie ist es auch, die an jedem 31. eines Monats mit leider noch recht wenigen Mitstreitern auf Wladimirs Straßen und Plätze geht, um für den § 31 zu demonstrieren, der die Versammlungsfreiheit garantiert.
Ich habe Natalia, mit der ich befreundet bin, gebeten, eine kleine Grußbotschaft zum heutigen Jubiläum zu schicken, die ich hier gerne in meiner Übersetzung verlese:
Liebe Freunde aus der Erlanger Gruppe von Amnesty International,
heute feiern wir unser Jubiläum: 50 Jahre Amnesty International. Das ist eine lange Zeit. Kaum zu glauben, daß eine nichtstaatliche Organisation nun schon ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich für derart immaterielle und nicht für alle sichtbare Dinge wie die Menschenrechte kämpft.
Wir freuen uns darüber, daß es in der Stadt, mit der die Wladimirer Bürger schon so lange und fest durch enge Freundschaftsbande verbunden sind, eine Gruppe von Gleichgesinnten gibt.
Wir waren überwältigt, als wir erfuhren, daß die Erlanger Amnesty International Gruppe genau wie wir regelmäßig am 31. jeden Monats Aktionen der Solidarität mit den Verteidigern des Paragraphen 31 der Russischen Verfassung unternimmt. In diesem Paragraphen 31 heißt es, die Bürger Rußlands haben das Recht, friedliche Demonstrationen, Mahnwachen, Versammlungen und Kundgebungen zu veranstalten. Dies ist ein ausgesprochen wichtiges Verfassungsrecht, das es der Bevölkerung eines Landes erlaubt, auf Staat und Politik Einfluß zu nehmen. Nimmt man aber den Menschen dieses Recht, werden Bedingungen geschaffen, die gewaltsame Ausbrüche der Unzufriedenheit, der Revolte und Revolution fördern.
Wir in Wladimir verteidigen den Paragraphen 31 der Verfassung seit dem 31. Januar 2010. Seither haben wir keinen 31. eines Monats ausgelassen. In den meisten anderen Städten Rußlands werden an dem Tag die friedlichen Aktionen von Bürgern aufgelöst, die Teilnehmer werden von der Polizei geschlagen und verhaftet. Und obwohl die Behörden in Wladimir sich uns gegenüber bisher recht loyal verhalten, können wir nicht beiseite stehen. Wir erklären uns solidarisch mit jenen Landsleuten, die gesetzeswidrig verfolgt werden.
Nicht einmal bei uns läuft immer alles glatt bei unseren öffentlichen Aktionen. Wir fühlen uns eingeschüchtert von der großen Zahl der uns beobachtenden Mitarbeiter des Geheimdienstes und der Polizei. Einige unserer Aktivisten bekommen zu Hause Besuch von der Polizei, die unter dem Vorwand, die Papiere kontrollieren zu wollen, zu verstehen gibt, daß man unter Beobachtung steht. Bei einigen wird das Telephon abgehört, andere bekommen Schwierigkeiten auf der Arbeit.
Aber das ist alles halb so schlimm. Die Hauptsache ist, daß es Menschen gibt, die den Wert der Menschenrechte verstehen und sie verteidigen.
Wie schön zu wissen, daß in der fernen deutschen Stadt Erlangen unsere Freunde von Amnesty International gleichzeitig mit uns Plakate mit der Zahl 31 hochhalten. Das heißt, wir haben Unterstützung. Das heißt, wenn man gesetzeswidrig gegen uns vorgehen sollte, wird Amnesty Erlangen für unseren Schutz eintreten.
Wir wünschen eine schöne Jubiläumsfeier, liebe Freunde! Danke, daß es Euch gibt!
Natalia Nowoschilowa, Vorsitzende der Wladimirer AI-Gruppe
Gestatten Sie mir noch einige persönliche Anmerkungen: Wladimir hat seit Mitte April einen neuen Oberbürgermeister, der sich mit großem Ernst und viel Glaubwürdigkeit daran macht, mit Bürgerrechtlern ins Gespräch zu kommen, bei seinen politischen Entscheidungen alle gesellschaftlichen Kräfte einzubinden, einen Dialog über alle Grenzen hinweg zu führen. Diesen Mann, Sergej Sacharow, sollten wir beim Wort nehmen und auch in Sachen Menschenrechte mit ihm das Gespräch suchen. Heinz Gerhäuser, Leiter des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen, mit dem ich Ende April in Wladimir war, nannte Sergej Sacharow nach dem Empfang im Rathaus beeindruckt den „Obama von Wladimir“. Das aus dem Munde eines nüchternen Naturwissenschaftlers! Tatsächlich wird das neue Stadtoberhaupt noch zeigen müssen, was er alles kann, aber mehr als ein vages Versprechen ist Sergej Sacharow ganz bestimmt.
Schade nur, daß Percy Gurwitz, langjähriges Mitglied im Rat für Menschenrechte des Wladimirer Gouverneurs, diesen politischen Wandel in der Partnerstadt nicht mehr erlebt hat. Er ist am 15. April verstorben, zwei Tage nach der Wahl. Aber schon in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag im März vor zwei Jahren hat der Universalgelehrte, mit dem die Erlanger Amnesty-International-Gruppe im Herbst 2000 zusammengetroffen war, seherisch in die Zukunft geblickt, als er gefragt wurde, woher er seinen Optimismus beziehe:
Meine größte Freude gewinne ich noch immer aus dem Gespräch mit Menschen. Ich komme mit vielen Menschen zusammen und sehe, daß sie politisch reif sind, daß sich Rußland in vielem sogar schon besser als andere Länder auf eine demokratische und soziale demokratische Richtung hinentwickelt. Wer das verhindern wollte, müßte sich auf einen sehr schmerzlichen und heftigen Kampf einlassen. Es freut mich auch zu sehen, daß es in Rußland keine Voraussetzungen für den Faschismus gibt. Nehmen wir doch nur die Sache, als Oberbürgermeister Jurij Luschkow eine faschistische Demonstration in Moskau erlaubte. Die ganze Welt hat ihn dafür gegeißelt. Ich hingegen habe ihn gelobt und sollte richtig damit liegen. Schließlich waren es nämlich gerade einmal 600, die sich in ganz Moskau dem Marsch angeschlossen haben. Und als sie erlaubtermaßen zusammenkamen, wurde für alle offensichtlich, was das für Leute sind. Ich bin schließlich doch der Meinung, daß politisch alles in Richtung Demokratisierung geht. Wie auch immer, eines durfte ich noch erleben, nämlich das Verschwinden von nationalistischen und rassistischen Vorurteilen. Wenn ich Barack Obama, einen Schwarzen als Präsident der USA, sehe und unser Leben in Rußland betrachte, das nicht verdunkelt ist von antisemitischen Übergriffen, gewinne ich die Überzeugung, daß die Internationale zu ihrem Recht gekommen ist: “Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!” Als junger Mann kannte ich diese Worte nur als Zeile einer Strophe, nun aber durfte ich erleben, wie diese Worte wahr geworden sind
Wenn das jemand sagt, der als Jude das KZ in Riga und als Volksfeind den Gulag überlegt hat, sollte man das nicht als realitätsfern beiseite wischen. Dennoch: Der Weg ist noch weit. Das wissen wir alle, besonders Jutta Schnabel von Amnesty International Erlagen, die ausgerechnet in Wladimir leider schon zwei Mal ins Visier übereifriger Häscher eines Überwachungsstaates geraten ist. Ein Thema, das eine eigene Rede verdient hätte. Aber die Richtung ist vorgegeben: von mutigen Menschen wie Natalia Nowoschilowa, Percy Gurwitz und Jutta Schnabel, die schon ihre nächste Rußlandreise plant.
Noch ein letztes Wort zu Michail Chodorkowskij, mit dem man ja heute Rußland assoziiert, wenn man an Menschenrechte denkt. Amnesty International wurde lange gedrängt, den Inhaftierten als politisch Verfolgten anzuerkennen, wurde viel dafür kritisiert, dies so spät getan zu haben. Ich bin Amnesty International dankbar dafür, daß man den Fall so lange geprüft hat. Das zeigt wieder einmal die Unabhängigkeit der Organisation und vor allem, daß sie es sich nie leicht macht mit ihrem Urteil. Bestechend in ihrer Unbestechlichkeit.
Wie schön wäre es, wenn unsere Welt Amnesty International eines Tages nicht mehr brauchen würde; wie unmenschlich wäre unsere Welt, wenn es Amnesty International in unseren Tagen nicht gäbe! (Es gilt das gesprochene Wort.)
Wolfgang Niclas, Bevollmächtigter der IG Metall, verpackte in sein Grußwort ein ebenso schnörkelloses wie aufrichtig gemeintes Geschenk an Amnesty International, nicht weniger als das Angebot, die Kommunikationsstrukturen seiner Gewerkschaft noch weiter für die Menschenrechtsorganisation zu öffnen und gerade auch enger in Sachen Wladimir zu kooperieren. Das hat gute Gründe, denn es sind gerade oft Gewerkschaftsvertreter, denen ein Unrechtsprozeß gemacht wird, wenn ihnen nicht noch schlimmeres zustößt. Anhand eines solchen Beispieles aus Uruguay hatte dies die Tagesschau illustriert. In Wladimir übrigens werden Gewerkschaften zwar nicht unterdrückt, aber nach Jahren des Niedergangs wären sie sicher dankbar für organisatorische und moralische Aufbauhilfe aus der Partnerstadt. Ein Angebot also von Wolfgang Niclas, das sicher gern angenommen wird.
Elisabeth Preuß wollte da nicht zurückstehen und lud Amnesty International zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung ein. Als Bürgermeisterin vertritt sie neben dem Bereich Soziales auch die Internationalen Beziehungen und Städtepartnerschaften. Ein weites Feld, wo auch mit “unproblematischen” Städten wie Rennes oder Eskilstuna Kontakte gepflegt werden könnten. Denn, so ihr Credo: “Städtepartnerschaften sind immer auch Friedensarbeit und deshalb unverzichtbar.”
Maria Ortega schloß die Rednerliste mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Menschenrecht auf Bildung, dem sich ihr Projekt Bandena (Band der Nationen) verschrieben hat. In San Carlos, der Partnerstadt in Nicaragua, können manche Kinder nur jeden zweiten Samstag eine Schule besuchen, wegen des akuten Lehrermangels (50% der Bevölkerung des Landes ist unter 20 Jahre alt) erhalten Abiturienten nur eine pädagogische Notausbildung, um gleich in die Schulen geschickt zu werden. Und dann sind da noch all die Probleme mit sexueller Gewalt, Verletzung der Kinderrechte… Auch wenn insgesamt auf der Welt die Menschenrechtsverletzungen zurückgehen, bleibt noch viel zu tun.
Den Schlußpunkt des Nachmittagsprogramms setzte vor der Vorführung des Films “The Green Wave” im Kino des E-Werks die “Luftballonsteigeaktion” (zu solchen Wörtern kann sich nur das Deutsche versteigen) unter dem Motto “Ich fliege, wohin ich will”, frei nach dem Lied “Die Gedanken sind frei”. 50 + x gelbe Luftballons mit einer Karte, der jeder seine Gedanken mitgeben konnte, stiegen in den Himmel und trieben im Schwarm gen Nordosten – so weit der Wind sie trägt.
Wenigstens aber noch mit einem Satz sei Martin Hoheisel zitiert, der als Moderator stets mit erfrischendem Witz und gebotenem Ernst die rechten Worte für die Überleitungen fand. So auch nach dem letzten Stück der Gomera Street Band, die einen famosen Mix der musikalischen Kulturen boten, voller Spielfreude und Improvisationslust, stets entlang der farbigen Grenze zwischen Glück und Melancholie. Martin Hoheisel wörtlich: “Eine anständige Band geht nicht ohne Zugabe!” Für die fabelhaften vier Musiker mit ihrer formidablen Frontfrau, Mia Lutzmayer, eine Sache der musikalischen Ehre. Schade nur, daß man nicht weiß, wo die Band als nächstes auftritt. Aber das gehört vielleicht ja auch zu der Magie dieser verzaubernden Musik.
Photos: Nadja Steger
Wer die Geschichte von Jutta Schnabel nachlesen will, für die sich übrigens Gouverneur Nikolaj Winogradow offiziell entschuldigt hat, tue dies unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/21/mit-menschenrechten-im-gepack-in-wladimir/ und http://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/25/mit-menschenrechten-im-gepack-in-wladimir-teil-ii/. Das Nachspiel gibt es unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/02/26/von-gemeinden-zur-gemeinschaft/ und http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/02/17/ein-tag-im-leben-eines-diplomaten/












[...] Wer sich dafür interessiert, wie Amnesty International die Menschenrechtssituation aktuell in der Russischen Föderation einschätzt, findet hier den neuesten Bericht: http://www.amnesty.de/jahresbericht/2011/russland?destination=node%2F3063. Und wer am vergangenen Samstag beim fünfzigjährigen Geburtstag nicht dabei war, kann die Rückschau hier nachlesen: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/05/29/danke-das-es-euch-gibt/ [...]
[...] S. auch: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/06/01/in-solidaritat-versammelt/ und http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/05/29/danke-das-es-euch-gibt/ [...]