Begonnen hatte alles mit einem Unfall im Dezember vergangenen Jahres, in dem ein Erlanger Schuldirektor als Beifahrer im Wagen seines Kollegen unmittelbar vor dem Erlangen-Haus zu einigem Schaden gekommen war. Helfen konnte man dem Verletzten im Notfallkrankenhaus mit bester medizinischer Versorgung und menschlicher Betreuung. Längst kann er wieder all seinen Amtspflichten nachkommen, nur bei schwererer physischer Arbeit verursacht die rechte Hand noch Anlaß zu etwas Beschwer. Damals, vor fast einem Jahr, besuchte zeitgleich auch Jürgen Üblacker, Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, Wladimir und gab dem Patienten so manche moralische Stütze. Da traf es sich bestens, daß die Behandlung just in der Klinik vonstatten ging, die bis heute von den Wladimirern Rot-Kreuz-Krankenhaus genannt wird und mit der die Erlanger seit mehr als 20 Jahren in engem Austausch stehen.
Auch Unfälle haben in der Partnerschaft ihre fruchtbare Gesetzmäßigkeit, bringen Menschen scheinbar zufällig zusammen und entwickeln eine ganz eigene, von niemandem geplante Dynamik, wenn es jemanden gibt, der den Augenblick zu nutzen weiß. So jemand ist unzweifelhaft Jürgen Üblacker, der die Gelegenheit am Schopf packte und noch vor Ort an die behandelnden Mediziner eine Einladung aussprach. Da sich um den Erlanger Patienten der Chef persönlich kümmerte – übrigens ohne, wie in Erlangen üblich, vorab die Modalitäten der Bezahlung geklärt zu haben, am Ende sogar kostenlos, bei uns mittlerweile gar nicht mehr denkbar! – nahm er mit zwei Kollegen die Einladung an und sah sich die ganze Woche über in Jena, Erlangen und Fürth in den Krankenhäusern und im Rettungswesen um.
Am 14. November 1914, dem Geburtstag von Zarin Maria Fjodorowna, die über das Russische Rote Kreuz die Patronage innehatte, wurde dieses erste Krankenhaus in Wladimir eröffnet, erbaut aus Mitteln des Russischen Roten Kreuzes sowie mit Hilfe von Spenden. Schirmherrin über das Hospital mit 25 Betten wurde die Großfürstin Jelisaweta Pawlowna. Mittlerweile hat die Unfallklinik, unweit vom Rathaus gelegen, Platz für 444 Patienten und erfreut sich eines guten Rufes, nicht zuletzt auch wegen einer recht passablen medizintechnischen Ausstattung, vor allem aber dank der guten Ausbildung ihrer Ärzte. Einer von ihnen, Michail Tjukarkin, war denn auch Pionier der Medizinkontakte und besuchte bereits Ende der 80er Jahre Erlangen. Auf seine Einladung hin hatte vor einigen Jahren Werner Hohenberger, Direktor der Chirugischen Klinik der FAU, Wladimir zu einem Kongreß besucht. Beste Voraussetzungen also für die nun vom BRK vermittelte Hospitation.
Die hatte, ganz im Sinn der Dreieckskooperation, am Sonntag in Jena begonnen, wo neben der Notaufnahme des Klinikums vor allem die Vielfalt des DRK Eindruck machte: neben den “klassischen” Dienstleistungen von Blutspende bis Rettungsdienst - ein erfolgreiches Sozialkaufhaus mit bester Adresse in der Innenstadt, eine vorbildliche integrative Kindertagesstätte mit Ganztagesschule, wegen seiner Zweisprachigkeit programmatisch “Dualingo” genannt, umfassende Angebote für Jugendliche, Familien und Senioren, ein “ganzer Kosmos”, wie die Gäste schwärmten. Ein ganzer Kosmos, der sich, vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden, Peter Schreiber, und seinem für nationale Hilfsgesellschaften zuständigen Kollegen, Thomas Beyersdorf, weit für die Besucher aus Wladimir öffnete, zumal die Gastgeber für das nächste Jahr gern eine Einladung nach Rußland annahmen. Peter Schreiber motiviert das just am 20. Tag der Deutschen Einheit recht symbolisch und ganz im Sinne von Oberbürgermeister Albrecht Schröter: “Jetzt können wir vielleicht etwas von dem weitergeben, was wir vor 20 Jahren aus Erlangen erhalten haben.” In der Tat war es Jürgen Üblacker mit seinem Team, der nicht nur unmittelbar nach dem Mauerfall im Foyer des Erlanger Rathauses für das leibliche Wohl der Besucher aus Jena und der übrigen DDR sorgte, sondern auch zupackend und sachkundig half, in der Partnerstadt das DRK aufzubauen. Wenn das nun mit vereinten Kräften in der Dreieckskooperation auch in Wladimir gelänge… Wer weiß!
Aufgreifen wollen die Wladimirer Ärzte den Gedanken in jedem Fall und das Ihre tun, um das noch immer von fremder Hilfe abhängige Rote Kreuz in ihrer Stadt zu neuer Blüte zu führen und an die alte Größe anzuknüpfen, die der Organisation vor der Oktoberrervolution eignete, bis alles Vereinsleben und Ehrenamt eingeebnet und gleichgeschaltet wurde. Schon Ende November will eine Rot-Kreuz-Delegation aus Erlangen Wladimir besuchen, und da sollen erste Eckpunkte dieser neuen Zusammenarbeit festgelegt werden. Doch dabei wird es nicht bleiben. Geplant ist auch, endlich eine Strategie für den Mediziner-Austausch zu erarbeiten. Bisher folgt der nämlich – wenn man einmal von der Pädiatrie und der Psychiatrie absieht – mehr dem Zufallsprinzip als einer inneren Logik. Durchaus effektiv für den einen oder anderen Bereich der Medizin, aber wenn Wladimir für sich Schwerpunkte festlegt, ließe sich eine gewisse Gesetzmäßigkeit in die gegenseitigen Hospitationen bringen, könnte man besser auswerten, wäre es möglich, das erworbene Wissen besser zu multiplizieren.
Wenn die drei leitenden Ärzte heute früh zurückfliegen, wollen sie zu Hause just als Multiplikatoren wirken, weitergeben, was sie hier gesehen haben. Ganz konkret einzuführen beabsicht man, nach Erlanger Vorbild den Kontakt zwischen Patient und Arzt zu verbessern und vor einer OP mit den Kranken eine Einverständniserklärung abzuschließen, kurzum sie besser aufzuklären. Aber auch viele medizintechnische Anregungen nimmt man mit – vom Einsatz schwieriger Intubationen bis hin zu der dreidimensionalen Zukunftswelt von Siemens Medical Solutions. Nicht ganz einig war sich die Troika, ob tatsächlich jeder technische Aufwand in Erlangen in dem erlebten Umfang notwendig sei, ob wirklich bei fast jedem Unfall auch gleich die Feuerwehr an Ort und Stelle sein müsse, ob nicht die eine oder andere Doppel- und Paralleluntersuchung entfallen könne. Zu viel des Guten und Überversorgung oder notwendige Maßnahmen, der Entwicklung der Technik folgend? An der Frage scheiden sich ja auch die guten Geister der Gesundheitspolitik.
Vieles von dem, was in Erlangen zum Standard gehört, hat in Wladimir noch etwas Fiktives an sich. Dabei könnte man als Unfallkrankenhaus an der Strecke Moskau – Nischnij Nowgorod mit ihrem immer dichter werdenen Verkehr dringend einen Hubschrauberlandeplatz brauchen. Allein, es fehlt ja sogar noch am Helikopter. Und längst noch nicht alle Abteilungen sind optimal ausgestattet. Doch diesen Mangel haben russische Ärzte über Generationen verstanden, durch handwerkliches Geschick zu kompensieren. Nicht von ungefähr sagt man nicht nur in Rußland, die Medizin sei weniger eine exakte Wissenschaft, als vielmehr eine möglichst hohe Kunst, und die kommt nun einmal vom Können.
Noch ein Nachsatz: Nach nur eineinhalb Jahren im Amt ist dieser Tage Andrej Sirin, der Chef des regionalen Gesundheitsamtes, auf eigenen Wunsch von seinen Dienstpflichten entbunden worden. Er war 2003 der Bestechlichkeit angeklagt worden und konnte erst nach sechs Jahren seine Unschuld beweisen. Man sprach ihm eine Wiedergutmachung in Höhe von vier Mio. Rbl. zu und holte ihn zurück auf seinen Posten. Aber er hatte wohl in dem Prozeß zu viel Kraft gelassen… Die Partnerschaft – und vor allem der Blaue Himmel – verliert in ihm einen starken Verbündeten. Sobald ein Nachfolger benannt ist, wird an seine Tradition anzuknüpfen sein. Es möge gelingen!








