Unter dem Titel “Meine letzten Stunden in Wladimir – Zum Tag der Befreiung” ist am 8. Mai 2001 im Neuen Deutschland folgender Leserbrief erschienen:
Man sagt, manches in der Geschichte oder im Leben eines Menschen wiederhole sich, erscheine zumindest ähnlich.
September 1948. Nach dreieinhalbjähriger Kriegsgefangenschaft ging wieder ein Zug mit Hunderten von gefangenen Deutschen aus Wladimir in Richtung Heimat. Zu diesen Glücklichen, die in Wladimir den Zug bestiegen, gehörte auch ich. Die schönsten Jahre meiner Jugend, vom 17. bis 21. Lebensjahr, verlebte ich hinter Stacheldraht.
Noch während der Gefangenschaft, aber auch Jahre danach, suchte ich nach Antworten zu folgenden Fragen: Warum führte man einen solchen wahnsinnigen Krieg? Benötigte Deutschland wirklich neuen Lebensraum? Wieviel verdienten die Konzerne an diesem Krieg? Hatte das Volk wirklich diesen Krieg gewollt? Wie war es möglich, ein ganzes Volk ideologisch so zu verblenden?
In Wladimir kletterten wir von den LKWs, formierten uns in Fünferreihen und näherten uns – zum letzten Mal geordnet – dem Bahnhofseingang. Um uns herum ein Spalier aus russischen Bürgern. Viele schwiegen, einzelne winkten auch. Die Schüler einer Schulklasse hielten Blumen in den Händen und verteilten sie an die abziehenden gefangenen deutschen Soldaten. Aber man sah auch haßerfüllte Blicke und hörte Rufe wie „Faschist!“.
Mit meinen Kameraden hatte ich den Bahnhofsvorplatz schon fast überquert, als ein älteres Mütterchen auf mich zukam. Sie packte meinen Arm so fest, daß ich erschrocken stehenblieb. Die alte Frau schaute mich an. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie sagte: „Söhnchen, komm wieder, aber ohne Waffen.“ Ich war bestürzt und nickte nur. Mir fehlten die Worte, obwohl ich inzwischen bereits viele Sätze in Russisch beherrschte.
Im Zug dachte ich noch lange über die Worte dieser alten Frau nach. Nein, ich hatte ihre Worte nicht falsch verstanden. Das Mütterchen hatte tatsächlich mich, einen Angehörigen der ehemaligen feindlichen Armee, aufgefordert, wiederzukommen in ihr Land. Hierher nach Rußland, in ihre Heimat, die wir Deutschen mit unendlichem Leid überzogen hatten. Ich hatte nur genickt, mit „da!“ geantwortet. Doch zu unwahrscheinlich erschien es mir damals, in jenem Augenblick, daß ich Rußland oder gar die Stadt Wladimir jemals wiedersehen würde. Damals, vor über 50 Jahren, nahm ich Abschied von einem großen Land und seinen Menschen.
Es dauerte Jahrzehnte, und ein ähnlicher Abschied wiederholte sich. Für mich stellte es sich als eine Art Gleichnis dar, auch wenn es unter anderen Bedingungen geschah. Es kam der Tag, an dem die ehemaligen sowjetischen Truppen auf Grund internationaler Vereinbarungen aus Deutschland abzogen. Damals zogen deutsche Gefangene aus Rußland ab, zu denen ich auch gehörte, und nun zogen russische Truppen aus Deutschland ab. Es ist verständlich, daß bei diesem Abzug ebenso wie bei meiner Heimfahrt aus der Gefangenschaft – obwohl man beides kaum vergleichen kann – viele gleiche Gedanken aufkamen. Die Meinungen zu dem Truppenabzug – damals wie heute – waren unterschiedlich. „Endlich können wir ohne fremde Truppen in Deutschland leben“, meinten die einen. Aber stimmte diese Aussage? Es war die halbe Wahrheit. Die Russen verließen unser Land, jedoch die amerikanischen Besatzungstruppen – in Gestalt der NATO-Verbände – sind geblieben.
Meine Blumen wurde ich los, als ich in einer Seitenstraße russische Truppen sah, die bereits vorbeidefiliert waren. Ich ging auf sie zu. Im Halbkreis standen Soldaten und Offiziere, sie unterhielten sich und rauchten. Ich wollte einige Sätze in Russisch zu ihrem Abschied sagen. Ich brachte nur wenige Worte heraus. Ein Offizier, ein Major, muß es wohl gemerkt haben. Er umarmte mich, bevor ich die Blumen überreichen konnte. Nur noch die Worte „Alles, alles Gute!“ kamen über meine Lippen. Einem Soldaten gab ich die Blumen, schaute dem Offizier noch einmal in die Augen und ging.
Auf dem Heimweg hörte ich nicht nur einmal: Es hätte sich gehört, daß die russischen Truppen vor dem Reichstag oder wenigstens im Zentrum von Berlin verabschiedet worden wären. Auf dem Reichstag hatten sie 1945 ihre Siegesfahne gehißt.
Es zeigt sich zu vielen Zeiten: Manche wollen es nicht wahrhaben, daß Millionen russischer und anderer Soldaten des großen Landes den Hauptteil des Sieges über den Faschismus geleistet haben. Doch Auge in Auge mit dem russischen Offizier fühlten wir sicher das gleiche. Zum Tag des Sieges wünsche ich allen Völkern dieses großen Landes alles Gute und eine neue Zukunft.
Alfons Rujner, der Verfasser dieser Zeilen, hat sich nicht mit Leserbriefen begnügt, sondern auch 50 Kurzerzählungen eines Zeitzeugen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft (1945 – 1948) mit dem Titel „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, ISBN 3-8311-2584-8, herausgebracht.
Im Briefwechsel mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, schreibt der Weltkriegsveteran im April 2010:
Mein Buch war ursprünglich nur für meine Kinder und Enkel gedacht. Ein befreundeter Buchhändler riet zum Druck. Es ist in Ost und West gut angekommen. Das bestätigen viele Briefe und Anrufe, die ich von Lesern erhalten habe. Auch Chilenen, Kubaner, Österreicher, Südkoreaner und Russen haben es bereits gelesen. Und ein Seder in Moskau brachte bereits eine Hörfunk-Einschätzung zu meinem Buch. Nur meine eigene Heimatzeitung (Berliner Zeitung) hat es noch nicht fertiggebracht, eine Rezension meines Buches zu veröffentlichen. Sehr erstaunlich, denn ich bin schon 50 Jahre Abonnent dieser Zeitung.
Ich bemühe mich, obwohl ich bereits über 80 Jahre alt bin, mittels Lesungen viele Menschen zu erreichen, damit sie einem Schwur folgen, den viele Deutsche nach dem schweren Krieg leisteten: NIE wieder Krieg!
Sämtliche bisherige Lesungen habe ich aus o.g. Gründen kostenlos durchgeführt. Und wenn die Entfernung zwischen unseren beiden Städten nicht so groß wäre, würde ich Euch in Erlangen unmittelbar eine Lesung anbieten.
Und in Wladimir waren meine Frau und ich auch bereits. Wir waren dort – ca. 25 Jahre nach Kriegsende – mit einer Reisegruppe. Mit einfachen russischen Bürgern hatten wir auf eine friedliche Zukunft angestoßen.
Abschließend möchte ich sagen: Menschen, die für die Völkerverständigung arbeiten, gibt es leider nicht genug. Jedoch solche, die es tun, betrachte ich als meine Freunde.
Alfons Rujner lebt heute in Berlin, stammt aber aus Stettin, wo er eine Ausbildung in der Stadtverwaltung machte, bevor er mit 17 Jahren in den letzten Kriegstagen an die längst zusammengebrochene Front geschickt wurde. Er ergab sich den Amerikanern, doch die übergaben ihn den sowjetischen Verbündeten. Wie und warum der spätere Pädagoge eine besondere Freundschaft zu den einstigen Feinden pflegt, sollte man selbst in dem hiermit allen Besuchern des Blogs ans Herz gelegte Buch nachlesen. Nur so viel: Dem Helden wider Willen rettet ausgerechnet eine russisch-jüdische Ärztin das Leben; ein sowjetischer Politoffizier gibt ihm den entscheidenden Hinweis, wie er die vertriebene Familie wiederfinden könnte, nachdem alle Versuche über das Rote Kreuz gescheitert waren; ausgerechnet das Lagerleben bringt ihm die Liebe zur Kultur und zum Schreiben – und zum russischen Volk bei…








[...] Alfons Rujner entschied sich für das Neue und bereut es bis heute nicht, hat sich vielmehr eine kritische Distanz zu allen Ideologien bewahrt und schildert seinen Werdegang besonders gern jungen Menschen, die noch nicht wissen, wohin die Reise in ihrem Leben gehen wird. Wegweiser hat er keine, aber die Erfahrung, wie gut es für die persönliche Entwicklung ist, sich immer auch die Gegenseite anzuhören und manches Mal auch gegen den Strom zu schwimmen, ist vielleicht viel wichtiger als Richtungsanzeiger. Wie gut, daß Alfons Rujner sein Buch geschrieben hat! Wer es liest, erfährt, daß Kriegsgefangene sogar eine Stadtführung mitmachen durften, staunt darüber, was Russen und Deutsche gemeinsam erduldet und ertragen haben, packt mit dem jungen Mann von einst einen Koffer, der noch immer in der Berliner Wohnung des Rentners steht – und lernt einen Menschen kennen, die mit jeder Faser die Versöhung zwischen Deutschen und Russen lebt. Deshalb hier nochmals die Leseempfehlung: Alfons Rujner: „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, ISBN 3-8311-2584-8, erschienen 2001. Und die Erinnerung an den Eintrag: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/08/komm-wieder-aber-ohne-waffen [...]
[...] zu Alfons Rujner unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/08/komm-wieder-aber-ohne-waffen; http://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/10/02/mit-17-jahren-hinter-stacheldraht und [...]