Für das Wladimirer Publikum in den zwei ausverkauften Sälen gilt dieses einem Lied aus dem Repertoire des Mädchenchors des Christian-Ernst-Gymnasiums entnommene Diktum sicher nicht, ließen sich doch die Konzertbesucher mit wahren Beifallsstürmen vernehmen. Natalja Kaljonowa, Gesangslehrerin für Solo und Chor an der Kunstschule Nr. 3, und ihre Kollegin, Irina Scharowa, machen den Versuch einer Erklärung für den überwältigenden Erfolg. Es könnte, so meinen sie, daran liegen, daß die jungen Sängerinnen überall spontan zu singen beginnen. Man spüre, daß die Musik für sie das Schönste auf der Welt sei, man spüre, daß sie sich als Einheit fühlen und zusammengehören. “Ich kann gar nicht glauben, daß der Chor erst vor eineinhalb Jahren gegründet wurde. Es ist, als ob die Mädchen schon von klein auf unter dem Dirigat von Joachim Adamczewski gestanden hätten.” Jede dieser Erlanger Stimmen, so Natalja Kaljonowa, die vor Jahren schon einmal mit dem Amadeus-Chor selbst in Erlangen war, erklinge wie ein aufs beste gestimmtes Instrument. Ein erstaunlicher Befund aus dem Mund einer Kennerin, die selbst im renommierten Kirchenchor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale singt, wenn man weiß, daß die orthodoxe Liturgie keine Instrumente, sondern nur menschliche Stimmen kennt. Und Oxana Burschaga, eine der Gastmütter ergänzt: “Es war wunderschön, die Mädchen bei uns zu haben. Wir wollten sie gar nicht mehr gehen lassen. Das einzige, was uns trennte, war die Sprache, aber dafür haben die Mädchen ja den Gesang, und außerdem gibt es im Internet Übersetzungsprogramme.”
“Das stimmt schon, von uns kann ja keine ein Wort Russisch”, bekennen Franziska Mehltretter und Nadine Glass, “aber wir haben es doch irgendwie geschafft, uns bestens zu unterhalten. Die Sprache war überhaupt kein Problem!” Die Lebens- und Wohnverhältnisse in vielen Gastfamilien gaben freilich schon zu denken. Heruntergekommene Wohnblocks: äußerer Eindruck - schlimm. Doch kaum betritt man die Wohnung, kommt man in eine andere Welt. “Wir wären gerne noch länger hiergeblieben und möchten unbedingt wiederkommen. Wir waren überrascht von der Gastfreundschaft, die Familie war immer fröhlich und total lieb zu uns.”
Monja Chaouch, Maria Hebel, Theresa Ehnes, die in der fünfköpfigen Familie von Oxana Burschaga untergebracht waren, können sich dem nur anschließen. Nicht alle wohnen in den Plattenbauten aus den 70er Jahren, es gibt auch einen neuen Mittelstand: ”Wir wohnten in einem großen Haus, richtig schön, mit einer Mauer drumrum. Die Mutter hat lecker gekocht, es gab immer selbstgemachte Marmelade und viel gutes Eingemachtes. Die jüngste Tochter geht selbst auch in die Kunstschule Nr. 3.” Nach russischen Wörtern gefragt, kullern die nur so aus den lachenden Mündern: “loschka, obesjanka, klubnika, slon, spasibo…” ad lib. Und das Programm, ob das nicht ein wenig zu dichtgedrängt war? “Überhaupt nicht! Die Kirchen waren voll kraß, und Susdal hat uns total gut gefallen.”
Über Musik zu sprechen, ist nicht jedem gegeben. Sie zu erklären, ist ein noch schwierigeres Unterfangen. Am besten ist es da wohl, den Pädagogen und Chorleiter, Joachim Adamczewski, selbst zu Wort kommen zu lassen, der vor zwei Jahren bereits einmal mit seinen “Erlanger Grillen” (heute “Vocanta”) Wladimir besucht hat: “Die Russen bewundern die andere, gerade Tongebung aus der deutschen Tradition, wo man früh schon a capella gesungen und eine komplexe Mehrstimmigkeit entwickelt hat. Die russische Chormusik pflegt dagegen stärker das Vibrato und einen voluminöse Kopfklang, eine Entwicklung aus der Romantik. So ist wohl auch zu verstehen, daß die Jugendchöre fast immer mit Klavierbegleitung singen. Wir bewundern die frühe Heranführung an einen großen solistischen Ton. Wir bekamen dreizehnjährige zu hören, die schon eine Tontechnik haben, die nahe an unserer professionellen Ausbildung ist. Dieser glockige Kopfklang, dieses dynamische Stimmvolumen der russischen Chöre ist also nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis einer gezielten Ausbildung. Das ist etwas, das wir bei uns nur von Profichören kennen. Die Laienensembles in Deutschland haben eine andere Tradition.” Die Gäste hatten viel Gelegenheit, sich umzuhören. Ein komplexes Hörbild bringt Joachim Adamczewski, der selbst mit zehn Jahren beim Windsbacher Knabenchor zu singen begonnen und mit 15 seinen ersten Chor geleitet hat, von der Woche in Wladimir zurück: “Ich bin begeistert von der Breite der Ausbildung. In jeder Musikschule dort gibt es große Talente, jede zweite Familie schickt ihr Kind dorthin, wo sogar Tanz eine große Rolle spielt, etwas, das es bei uns kaum gibt. Allerdings singen die Kinder- und Jugendchöre meist nur zweistimmig, die Musik ist etwas weniger komplex. Dafür singen aber auch viel mehr. Aus diesem großen Mittelbau können dann die exzellenten Profichöre Wladimirs ihre Talente rekrutieren.” Bei uns, so könnte man es als aufmerksamer Hörer interpretieren, sind die Ensembles entweder einfach und schlecht oder komplex und dafür gut.

Bürgermeisterin Galina Wladimirowa, Partnerschaftsbeauftragter Peter Steger, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Photo: Jürgen Üblacker
Für die Güte des Ensembles von Joachim Adamczewski spricht das Prädikat “bester bayerischer Mädchenchor” und die Einladung zum deutschen Chorwettbewerb im nächsten Jahr. Sprachlos ist man nach dem Auftritt des Chors im Jugendkulturhaus der Partnerstadt, sprachlos und dankbar für ein bezwingend schönes Musikerlebnis. Zwei Mädchen aus dem Chor sitzen wegen einer Erkältung selbst im Publikum und erleben mit, wie Kinder vor ihnen aus lauter Begeisterung die Melodien auf einem imaginierten Klavier mitspielen, wie Erwachsene mit offenem Mund dasitzen, als wollten sie gleich anheben, in den unerhört feingliedrig gestalteten Gesang einzustimmen. Eine wärmende Strahlkraft wächst da hinter einer kunstvoll verwobenen Vielfalt der Stimmen, hell erleuchtet und durchgeistigt von einer heiteren Ruhe. Einheit in Komplexität, Klarheit und Konzentration. Keine Stimme schiebt sich in den Vordergrund, jede leistet unaufdringlich Dienst am großen Ganzen und wandert während des Konzerts von Position zu Position. So knüpft der Dirigent mit inspirierter Hand einen Gobelin aus kostbar feinen Notenfäden, die in immer wieder neuem Licht aufscheinen. Dann lichtdurchflutete Klangskulpturen, geformt von den streng konturierten Gesten des unglaublich präsenten Dirigenten, dem die aufmerksamen Mädchen in ihrer zurückhaltend stilisierten Uniform jede Wendung von Mund, Händen und Augen ablesen. Und der Saal folgt gebannt, gerade auch wenn die fast schon abstrakten Polyphonien des zeitgenössischen Komponisten Arvo Pärt erklingen. Da sind wir schon beim Repertoire, das dem Niveau des Chores entspricht: Staunen nur kann man und staunend sich freuen! Von geistlicher Musik bis zu Volksliedern – alles im neuen Gewand einer phantasievollen Interpretation. Im Mittelpunkt eine hin- und mitreißende Variante vom Kuckuck, der auf dem Baume saß, und mit witzblitzender Sangesfreude durch die halbe Musikgeschichte gescheucht wird, bis es kommt, wie es kommen muß und der Jäger zum Schuß und das Konzert zum Schluß kommt.
Nun kommt aber erst einmal im nächsten Jahr der Mädchenchor der Kunstschule Nr. 3 unter Leitung des umtriebigen Alexander Sneschin nach Erlangen. Gerhard Wolf, Direktor des Christian-Ernst-Gymnasiums läßt daran keinen Zweifel: “Das war hier alles so perfekt organisiert, fachlich und menschlich derart angenehm, daß wir uns tüchtig anstrengen müssen, um den Gästen ein vergleichbares Programm zu bieten. Erlangen kann stolz sein auf diese Partnerschaft. Der Austausch muß weitergehen, noch für viele Generationen!” Ein schönes Versprechen, das klingt wie eine Selbstverpflichtung. Zu der tragen aber vor allem die Mädchen selbst bei: Auf ihren beiden Konzerten zu Jahresbeginn in der Fränkischen Schweiz (s. Eintrag vom 6. Januar 2009) haben sie sich den finanziellen Grundstein für die Reise gelegt, fanden Unterstützung durch das Kulturamt der Stadt Erlangen und die West-Östliche Stiftung und kommen jetzt mit einem Honorar von 21.000 Rbl. für Ihre Auftritte aus Wladimir zurück, Geld, das sie für die Finanzierung des Besuchs ihres neuen Partnerchors zurücklegen. So sieht eine musikalische Liebeserklärung an die Partnerschaft aus!
Nachtrag: Auf der Rückreise, die beinahe im Stau stecken geblieben wäre, entdeckte der Chefredakteur von www.aktuell.ru, Gisbert Mrozek, den Mädchenchor kurz vor dem Abflug bei der Haarpflege und hielt den schönen Augenblick fest: www.aktuell.ru/russland/lexikon/kalenderblatt/geschichte_russland_solschenizyn_geboren_339.html








[...] Wir dürfen uns auf ein großartiges Konzert feiern. Und das „Wir“ kann gar nicht groß genug sein. Weitersagen! Der Eintritt ist übrigens frei. Spenden werden aber gerne angenommen. Ach ja: zum Nachlesen und zur Steigerung der Vorfreude noch die Links: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/01/06/zum-auftakt-zwei-konzerte-fur-wladimir und http://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/12/11/viele-verachten-die-edle-musik/ [...]