Das Schicksal des Deserteurs Dmitrij Artjomjew wird immer mehr zum Politikum und Objekt von Propaganda. Offenbar bedarf es gar nicht erst eines Krieges, um die Wahrheit zur Strecke zu bringen. Es genügt ein Überläufer, und schon weiß niemand mehr, was stimmt und was nicht.
Es bleibt nur bei einem: Dmitrij Artjomjew bleibt in Georgien. Allerdings behauptet nun seine Mutter nach langen Tagen des Schweigens, ihr Sohn werde dort als Kriegsgefangener festgehalten, als Faustpfand in der Hand Georgiens gegen den übermächtigen Gegner Rußland. Ihr Sohn habe sich zwar von der Truppe abgesetzt - wohl wegen schlechter Behandlung seiner Vorgesetzen und mangelnder Verpflegung -, aber zu desertieren sei ihm nicht in den Sinn gekommen. Er sei mehrere Stunden durch die Wälder Südossetiens geirrt, bis er, auf georgischer Seite angekommen, Aufnahme in einem Dorf gefunden habe. Man habe ihm dort zu essen gegeben und später die Polizei gerufen. Es stimme, er habe um politisches Asyl gebeten, und dieses sei ihm auch gewährt worden, aber im Gespräch mit ihr habe der mutmaßliche Fahnenflüchtling zunächst den Wunsch geäußert, möglichst rasch wieder nach Wladimir zurückzukehren. Die georgischen Behörden hätten dem auch zuerst zugestimmt, dann aber gemeint, man solle noch eine Nacht darüber schlafen. Und siehe da, am nächsten Morgen sei ihr Junge wie ausgewechselt gewesen, als stünde er unter Drogen oder habe eine Gehirnwäsche über sich ergehen lassen müssen. Jedenfalls habe er nur noch stereotype Aussagen im Sinne Georgiens der Art gemacht, in Rußland sei alles schlecht, in dem Kaukasusstaat hingegen alles gut. Und seitens der Behörden nichts mehr von einer raschen Rückführung.
Der Fall beschäftigt die UNO. Aber ob die auch die Wahrheit und die tatsächlichen Motive und Absichten des Rekruten erfährt, ist sehr fraglich. Sicher ist nur eines: Beide Seiten werden propagandistisch – hoffentlich nur mit Worten und Bildern und nicht schon wieder mit Waffen! – alles tun, um den jungen Soldaten, der gar nicht in die Krisenregion gehörte, für ihre Ziele zu vereinnahmen. Er ist jetzt Verhandlungsmasse, nicht mehr Herr seines Schicksals, Opfer eines Konflikts, den weder er noch seine Vorgesetzten verstehen und der zwischen Tbilissi und Moskau am Verhandlungstisch ausgetragen und nicht in die Kasernen von Wladimir oder Zchinwali gehört.
Siehe auch Einträge vom 6. Juli.


