Die Grabungen im Zentrum Wladimirs auf dem Gebiet der historischen Markthallen sind abgeschlossen. Was sie zu Tage förderten, erstaunt freilich wieder einmal die Fachwelt. So unterschiedlich die Schichten, so vielfältig die Funde: Figuren aus Knochen für ein Damespiel, ein kleines Beil aus der Jungsteinzeit, Amphoren aus Byzanz und eine einzigartige tränenförmige Glasperle.
Das Glasperlenspiel wird wohl nicht in Wladimir erfunden worden sein, ebensowenig wie Dame, dessen Regeln Kaufleute aus dem Orient mitgebracht haben dürften. Aber die Artefakte sind derart meisterhaft gefertigt, daß man nur staunen kann über die handwerkliche Kunst, wie sie in Wladimir noch vor dem Mongolensturm gepflegt wurde. Alles Zeugnisse, die belegen, daß Wladimir bereits im Neolithikum besiedelt und immer ein kulturelles und wohl auch kultisches Zentrum war, das nicht von ungefähr zur Hauptstadt der alten Rus gekürt wurde. Und dann noch fast 17.000 Bruchstücke von Amphoren, die angeblich noch nach Olivenöl und Korn riechen, zumindest aber teilweise die Kürzel der Werkstätten und Töpfereien aufweisen.
In jedem Fall Beweise genug dafür, daß man just an der Stelle, wo im 18. Jahrhundert die Steinarkaden für den Handel erbaut wurden und hinter denen sich heute ein architektonisch sensibel eingefügtes Einkaufszentrum verbirgt, schon lange vorher Geschäfte tätigte. Und die Archäologen? Die Fundstätte ist ausgebeutet und wird geschlossen. Mit der Ausbeute ist man mehr als zufrieden und das obwohl man gar nicht das gefunden hat, was man suchte, nämlich Chroniken auf Bast und Baumrinde. Aber es gibt noch viele Stellen in Wladimir, wo sich das Graben lohnt, selbst wenn es nur „Beifang“ sein sollte. Wer gräbt, der findet!


