Rien ne va plus, aus und vorbei, das Spiel ist zu Ende. Die letzten Roulettekugeln in Rußland rollten gestern dem Rubel-Glück entgegen oder davon. Wie auch immer, kraft einem neuen Gesetz müssen von heute an alle Spielkasinos und Hallen mit einarmigen Banditen die Tore geschlossen halten. Ausgenommen sind nur Sportwetten und Lotterien sowie Poker, das in Rußland als Sport gilt. Der Homo ludens hat ausgespielt in Rußland. Nur in vier Sonderzonen – im fernen Altai, an der Ostsee, in der Region Königsberg (Kaliningrad) und in der Gegend von Rostow am Don – soll das Glücksspiel noch erlaubt sein. Ob dort aber, wie von manchen erhofft, so etwas wie russische Ableger von Las Vegas entstehen, darauf will im Augenblick noch niemand wetten. Mindestens zehn Jahre werde es dauern, bis in den ausgewiesenen Zonen die Glücksritter ausschwärmen können. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage vertrauen die Investoren offenbar nicht so recht Fortunas Einflüsterungen.
Aber wie steht es um die Zocker? Die werden sich in Hinterstuben treffen und geschlossene Gesellschaften gründen, sich in Lottoannahmestellen zu heim-lichen Runden verabreden. Die Polizei wird Sondereinheiten gründen und bald erste Erfolge im Kampf gegen illegales Glücksspiel vermelden, und dem Staat werden Steuereinnahmen entgehen.
In der Sowjetunion war derlei dekadentes Vergnügen übrigens strikt verboten. Erst 1989 öffnete im Moskauer „Savoy“ ein Spielkasino, das zunächst nur Ausländern vorbehalten war. Ein Jahr später gab es das erste – ebenfalls in Moskau – auch für Russen zugängliche, und 1991 konnte man sogar seine Einsätze mit Rubeln machen. Dann war kein Halten mehr. Um die Jahrtausendwende gab es allein in Moskau über 200 Kasinos und jede Menge Spielhallen. Das Gewerbe füllte den Staatssäckel in den letzten Jahren mit knapp 1 Mrd. Euro p.a.
Das war wohl auch der Grund, warum die Wladimirer Duma im Mai 2007 mehrheitlich den Antrag von zwei Abgeordneten der Partei „Gerechtes Rußland“ ablehnte, die einschlägigen Etabilissements zu schließen, von denen es allein in der Partnerstadt acht mit insgesamt 39 Spieltischen gab. Die Stimmung kippte freilich bereits im September vergangenen Jahres, als ein 45jähriger Mann erschossen wurde. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte dessen Sohn Spielschulden und beauftragte einen Altersgenossen, den Vater zu töten, um an dessen Lebensversicherung heranzukommen. Ob das Verbrechen mit einem Verbot von Kasinos hätte verhindert werden können, wird sich nie klären lassen, aber zumindest macht sich der Staat nun nicht mehr zum potentiellen Mittäter und Föderer von Spielsucht.
Daß es die zu allen Zeiten und an allen Orten gegeben hat und immer geben wird, belegt ein literarisches Zeugnis, der Roman „Der Spieler“ von Fjodor Dostojewskij. Der Autor versteckt hier seine eigene Spielsucht, die er vornehmlich in Baden-Baden bis zum bitteren Ende auslebte; sogar den Ehering seiner Frau versetzte er. Wie das Verhängnis beginnt, schildert der Autor in der Fiktion so: „Ich begann damit, daß ich sogleich zwanzig Friedrichsdore auf Paar setzte und gewann, und so noch drei- oder viermal. Wenn ich nicht irre, hatte ich in einigen Minuten 400 Friedrichsdore gewonnen. Da wäre es richtig gewesen, fortzugehen. In mir aber stieg etwas Seltsames auf: Ich glaube, es war das Verlangen, das Schicksal herauszufordern, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm einfach die Zunge zu zeigen! Ich setzte die größte Summe, die den Spielern gestattet wird, 4.000 Gulden, und verlor. Das erregte mich, ich nahm alles heraus, was ich bei mir hatte, und setzte es auf dieselbe Zahl und verlor wieder. Wie betäubt verließ ich den Tisch.“ Später das Selbstbekenntnis des Romanhelden: „Ich bin selbst ein Spieler. Das fühlte ich in diesem Augenblick. Meine Hände und Beine zitterten, in meinem Gehirn hämmerte es.“ Heute würde ein derartige Aussage, die Psychologen auf den Plan rufen oder Grund sein, in eine Selbsthilfegruppe einzutreten.
Wladimir Putin, der noch als Präsident 2005 das Gesetz auf den Weg gebracht hatte, ist jedenfalls der Meinung, die Spielsucht sei sogar schlimmer als die Trinkerei. Und wie schließt der Roman? Mit dem frommen Wunsch: „Morgen, morgen wird alles ein Ende haben.“ Wenn es so einfach wäre.
P.S.: Wer es sich leisten kann, wird seinen Spieltrieb nun wieder in Orten wie Roulettenburg (Dostojewskijs fiktives Baden-Baden) austoben. Croupiers aller Länder, lernt Russisch!


