Vom „fränkischen Teil“ der Mindener Runde war ja schon die Rede. Gemeint ist Fritz Wittmann. Seine im Jahr 2002 von Bundespräsident Johannes Rau mit dem „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ ausgezeichnete „Rose für Tamara“ stellt ein einzigartiges Zeitzeugnis dar, ein Buch der Vergebung, der Überlebensweisheit, der Friedfertigkeit. Fritz Wittmann war nicht in Wladimir in Gefangenschaft, und doch unterhält wohl niemand von den Veteranen derart enge persönliche Beziehungen zu Erlangens Partnerstadt wie der in Baiersdorf lebende pensionierte Schulleiter. Einige Zitate aus seinem Sammelband, dem er das sinnige Motto „menschliche Feindberührung in russischer Kriegsgefangenschaft“ gab, machen deutlich, in welcher Welt der 1926 im mittelfränkischen Dorf Rohr bei Schwabach geborene auf- und in den Krieg hineinwuchs. Sie machen hoffentlich auch klar, wie vorsichtig die Nachgeborenen mit Schuldzuweisungen an diese Generation sein sollten.
„Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte, deutsch zu fühlen und deutsch zu denken. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald Deutschland, heiliges Wort und von den Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten wollte oder brennen uns zum Tod.“ Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott. Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Als es losging, waren wir schon drei Tage später in Küstrin-Neustadt eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste Feindberührung zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese menschliche Feindberührung in Der Russe lebt 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung druchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.“
1990 heißt es in besagtem Gedicht von Fritz Wittmann: „Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. / Nun sind dieser erste russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.“
Wie verlief nun aber die Gefangennahme, von der die jungen Soldaten glauben mußten, es wäre ihr Ende? Fritz Wittmann war „total überrascht vom Verhalten des verhaßten Feindes“. Beim ersten Halt in einem Dorf traf sein Trupp auf eine Gruppe russischer Soldaten, „die uns heranwinkten und uns die Reste ihrer Mittagsmahlzeit anboten. Einige der russischen Soldaten liehen einigen von uns ihren eigenen Löffel. Nach dem, was wir erwartet hatten, war ich sprachlos.“ Es dauerte einige Zeit, bis ihm bewußt wurde, „daß das Feindbild, das man uns vorgezeichnet hatte, nicht übereinstimmte mit der Behandlung, die wir erfuhren.“ Und als sich der Himmel schwarz färbte von den Bombern auf dem Weg nach Berlin, gestand er sich ein, „daß die Gefangenschaft die bessere Alternative war“.
Sechs Wochen nach der Gefangennahme ging es gen Osten, ins Ungewisse. Bis Oktober 1947 war Fritz Wittmann im Raum Ischewsk, teils im Arbeitslager, teils im Lazarett, vier Monate sogar im Hospital. Danach wurde er mit 600 Gefangenen in ein Lager östlich des Urals verlegt und landete ein halbes Jahr später für einige Monate in der Nähe von Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. Vom Juni bis zum November des Jahres 1948 arbeitete er in einem Lager am Wolgakanal, 100 km nördlich von Moskau, und nach vier Monaten Ruhelager brachte er das letzte halbe Jahr in einem Kohlenschachtlager in Borowitschi zu. Weiter schreibt Fritz Wittmann: „Da ich in all diesen Lagern den Umständen entsprechend korrekt behandelt wurde, darf ich annehmen, daß doch in vielen Lagern erträgliche Zustände herrschten.“ Nur wenn man abhaute und dann – ziemlich sicher wieder eingefangen wurde -, mußte man damit rechnen, von den Wachposten schwer mißhandelt zu werden. In allen Lagern gab es auch so etwas wie einen Alltag, Normalität. Man „feierte“ sogar Geburtstag. Diese Umstände schildert Fritz Wittmann so: „Vor den Eingängen der Baracken hatten wir Blumenbeete angelegt. Auf der Küchenbaracke hatten die Lagerschreiner in ihrer Freizeit eine Turmuhr errichtet, die nachts von vier Seiten beleuchtet wurde. Findige Mechaniker hatten eine Kartoffelschälmaschine gebaut, die uns die stundenlange Arbeit abnahm. Das war besonders bei gefrorenen Kartoffeln eine große Hilfe.“
Wie war es aber um die ärztliche Versorgung bestellt? Natürlich schlecht, aber dann auch wieder nicht so katastrophal, wie man das glauben mag. Als der deutsche Lagerarzt nur noch Aspirin zur Behandlung hatte, sorgte eine russische Kommission für die notwendigen Medikamente mit der Folge, daß nur noch ein bis zwei Todesfälle pro Jahr zu beklagen waren, und das auch „nur“ aufgrund von Arbeitsunfällen. Der junge Gefangene selbst erlebte drei Tage vor seinem 19. Geburtstag seine Errettung, als er von einer russischen Ärztin (ob sie mit der „Tamara“ gemeint ist, der ja auch schon Günther Liebisch begegnet war?) wegen seiner ruhrähnlichen Erkrankung ins Lazarett und Hospital geschickt wurde. „Die Ärztin“, erinnert sich Fritz Wittmann, „kam täglich zur Visite und redete freundlich mit jedem, der etwas Russisch verstand.“ In diesem Hospital erlebte der Schwerkranke eine wahrhaft wundersame Geschichte: „Als im Februar 1946 etwa 20 Neuzugänge eingeliefert wurden, war darunter einer aus Thüringen, der den gleichen Familienamen hatte, wie ein Landsmann, der, halbwegs genesen, beim Wasserkommando arbeitete. Der Sanitärer erfuhr von dem Neuzugang, daß er einen Bruder gleichen Namens hatte, der aber gefallen sei. Durch Vermittlung des Sanis kam es zu einem Zusammentreffen der beiden Brüder. Der vermeintlich Gefallene war, schwer verwundet, in russische Gefangenschaft geraten und nicht erschossen, sondern gesundgepflegt worden. Und das bemerkenswerte Ende der Geschichte: Der jüdische Kommandant des Hospitals schrieb den genesenen Bruder so lange krank, bis der andere auch gesund war und überstellte sie danach beide ins gleiche Lager. Noch eine Randbemerkung: Ich habe nie erlebt, daß Juden sich als Rächer aufspielten, auch nicht gegenüber jungen Angehörigen der Waffen-SS.“
Zu der gehörte der jugendliche Soldat übrigens, ohne recht zu wissen, was das bedeutete. Seiner Ärztin aber, die ihn wie eine Mutter behandelte, hinterließ er in seinem Buch ein literarisches und dokumentarisches Denkmal. Als er, wieder einigermaßen hergestellt, vom deutschen Lagerarzt entlassen werden sollte, hielt sie dagegen: „O nein, er war sehr krank. Nun muß er sich wieder erholen. Seine Mutter will ihn doch wiederhaben.“ Vier Wochen blieb er noch in der Obhut der Ärztin, die ihren eigenen Sohn im Krieg verloren hatte. In Verse gegossen liest sich das so: „Eine Ärztin stand an meinem Bett, / deren Sohn aus dem Krieg nicht wiederkehrte, / die in mir den Sohn einer anderen sah / und sich das Rachedenken verwehrte.“
Gegen den Hunger aber gab es keine Remedur: „Daß das Essen im Herbst 1946 besonders schlecht und knapp war, hing mit der Mißernte zusammen. Es herrschte eine echte Hungersnot. Wir bekamen einige Wochen lang nur halbe Brotrationen. Russische Frauen, die nicht in Arbeit waren, bekamen damals aber überhaupt keine Brotzuteilung.“ Und wieder so eine bewegende und zutiefst menschliche Geste von einem Pferdekutscher, mit dem sich Fritz Wittmann angefreundet hatte. Als es in ein anderes Lager ging, versprach der Russe dem Deutschen noch eine Wegzehrung. „Aber wir wurden schon am Morgen zum Güterbahnhof geführt. Ich war erstaunt und sehr erfreut, als ich auf dem Gehsteig gegenüber meinen russischen Freund erblickte. Er schwenkte ein Säckchen Kartoffeln und rief: Wittmann! Kartoschki! Er rührte mich zu Tränen.“
Im Juli 1949, also vor bald 60 Jahren, eröffnete man Fritz Wittmann, daß er nicht im Verdacht stehe, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein und er deshalb mit seiner baldigen Entlassung rechnen dürfe. Anfang November war es dann so weit. „Mit einem Koffer voll russischer Zigaretten stieg ich in den Heimkehrerzug, der an meinem 23. Geburtstag nachts um halb eins abfuhr. Wir wußten die genaue Uhrzeit, denn einer von uns hatte tags zuvor seine Armbanduhr wiederbekommen, die er nach der Gefangennahme als Wertgegenstand abgegeben hatte. Diese war mit seinen Papieren von Lager zu Lager weitergereicht worden. Ein anderer bekam bei seiner Entlassung den Ehering zurück. Die Abfahrt des Zuges verzögerte sich allerdings, weil der zuständige Offizier den Transport nicht freigegeben hatte. Wir hatten nämlich zur neuen Wattejacke blaue Arbeitshosen bekommen, obwohl für uns zu dieser Jahreszeit schon Wattehosen vorgeschrieben waren. Der Offizier ließ nicht mit sich reden. Er sagte, es könne über Nacht sehr kalt werden. Die Leute hätten gut gearbeitet und sollen nun auch gesund nach Hause kommen. Er ließ den Zug erst abfahren, als ein LKW 600 neue Wattehosen angeliefert hatte. (…) An ihrem 53. Geburtstag empfing meine Mutter mich zum zweiten Mal. Endlich daheim! Die Zeit des Heimkehrens hatte begonnen. Sie währte lange.“
Man darf hinzufügen: Sie dauert noch immer an. Nicht von ungefähr bezeichnet Fritz Wittmann Rußland als „Land meiner zweiten Geburt“. Fritz Wittmann versteht es, seine Gedanken schön, wunderschön auszudrücken, aber er redet nichts schön. Seine Erlebnisse teilen andere mit ihren Worten: Alfred Trautner: „Unsere Ärztin versteckte mich vor der Kommission, die über Amputationen entschied. Ich verdanke ihr, daß ich nicht als Krüppel nach Hause kam.“ Wolfgang Morell: „Unsere Ärztin in Wladimir war uns in ihrer feinen Art verhalten zugetan, wir nannten sie Schneewittchen.“ Alfred Weiß: „Wir nannten die Ärztin einen Engel der Gefangenen. Sie drückte mir alle ihre Rubelscheine in die Hand.“ Günther Liebisch: „Die Ärztin begleitete unseren Transport bis nach Brest. Beim Abschied weinte sie sehr.“
Fritz Wittmann hat sich – wie die Mitautoren seines bewegenden Buches und die Runde in Minden – keine persönliche Schuld gegenüber dem russischen Volk vorzuwerfen. Er wurde selbst in eine Kriegsmaschinerie hineingeworfen, die er nicht zu beeinflussen vermochte. Wohl aber war es ihm und vielen anderen offenbar möglich, auch im Terror des Vernichtungskampfes menschlich und anständig zu bleiben, ebenso wie es immer wieder geschah, daß die Sieger ihren verständlichen Haß besiegten und so den Besiegten als Menschen begegneten. Keine persönliche Schuld, aber eine tiefe Verantwortung für die Menschen in Rußland verspürt Fritz Wittmann. Eigens der Städtepartnerschaft mit Wladimir wegen hat er sein Lager-Russisch reaktiviert, nahm an der ersten Veteranendelegation im Juni 1991 teil, wo er erfuhr, daß sein heutiger Kamerad, Nikolaj Schtschelkonogow, in jenen Tagen in Küstrin nicht nur Philipp Dörr, sondern auch ihm gegenübergelegen hatte, und unterstützt seine ungezählten russischen Freunde bis heute oft bis an seine Belastungsgrenzen, über die gottlob seine umsichtige und einfühlsame Frau Elisabeth liebevoll wacht.
Die „Rose für Tamara“ hat dank der Unterstützung des Baiersdorfer Bürgermeisters, Andreas Galster, anläßlich des Partnerschaftsjubiläums im Oktober 2008 eine zweite Auflage erlebt. Unter Leitung und auf Initiative von Witalij Gurinowitsch wurde der Band in Wladimir von ehrenamtlichen Übersetzern ins Russische übertragen und durch Zeitzeugenaussagen von dort ergänzt. Eine Arbeit, die das Deutsch-Russische Forum und die Robert-Bosch-Stiftung sowie die Jury unter der prominenten Journalistin Gabriele Krone-Schmalz einer besonderen Auszeichnung für würdig befanden. Die Ehrenurkunde wurde den Koautoren 2004 in der Russischen Botschaft zu Berlin verliehen. Das Buch ist zum Selbstkostenpreis von € 6,– im Bürgermeisteramt der Stadt Erlangen bei peter.steger@stadt.erlangen.de zu beziehen.
Hätten Wladimir und das russische Volk eine Ehrung der Art wie Israel sie mit der Auszeichnung „Gerechter der Völker“ verleiht zu vergeben, Fritz Wittmann dürfte sie mit demütigem Stolz für sein Versöhnungswerk tragen. Wer sonst, wenn nicht er?!


