Hand auf’s Herz, wer besucht freiwillig ein Schülerkonzert, gar noch, wenn man sich zu dem erwartungsgemäß eher bescheidenen Vergnügen in Eis und Schnee hinausbegeben und sogar auf’s Land fahren muß? Wohl nur die Eltern, vielleicht ein paar enthusiastische Verwandte, sicher keine Kulturabonennten in Robe oder Festanzug, sicher kein Premierenpublikum. Sei’s drum, vielleicht tun sie ja auch recht daran. Aber was ist, wenn der musikalische Lockruf von Joachim Adamczewski kommt, dessen Namen in Erlangen mit vokalem Wohlklang verbunden wird? Man tut gut daran ihm zu folgen, auch wenn einen der Weg bis nach Thuisbrunn oder Bieberbach in der Fränkischen Schweiz führt!
Chormusik zur Weihnachtszeit stand heute um 15.00 Uhr in der Katharinenkirche zu Thuisbrunn und um 16.30 Uhr in der Reformations-Gedächtniskirche in Bieberbach auf dem Programm, ausgeführt vom “Mädchen-Auswahlchor” des Musischen Gymnasiums Erlangen unter Leitung von Joachim Adamczewski und Philipp Barth – bei freiem Eintritt. Die zurückhaltend-bescheiden formulierte Ankündigung ließ beileibe nicht erahnen, was einen da erwartete. Ein leibhaftiges Chorkonzert von exquisiter Qualität! Zum Ende der Weihnachtszeit mit all dem musikalischen Lametta noch ein Auftritt aus einem Guß, freilich nicht vom Zuckerbäcker, sondern von zwei inspirierten Zuchtmeistern des Gesangs. Mit seinen abgezirkelt präzisen Gesten führte Joachim Adamczewski die Sängerinnen durch einen stimmigen Reigen von – zu Unrecht – weniger bekannten europäischen Weihnachtsliedern. Darin eingelagert ein besonderer Genuß: Philipp Barth, der den 1942 entstandenen Zyklus “The Ceremony of Carols” von Benjamin Britten vergeistigt und hochkonzentriert ins Werk setzte, kann sicher nicht mehr als Juniorpartner seines pädagogischen Kollegen gelten. Zu sehr folgt er seinem eigenen Stil und Musikempfinden. Desto begeisternder, Zeuge dessen zu werden, wie geschlossen und diszipliniert die Mädchen den unterschiedlichen Dirigaten folgten, ohne Bruchstellen, ohne jedes Holpern oder Stolpern.
Überhaupt – die Mädchen. Man glaubt es fast nicht, daß es sich “nur” um Schülerinnen handelt. Sicher mag es der einen oder anderen Stimme noch an Reife mangeln, aber im Zusammenklang ergibt sich die reinste Harmonie, eine warme Stimmführung ohne Aufgeregtheit, ein Miteinander, dem anzumerken ist, daß jede auf jede hört. Und ist es nicht so, daß nur die Chorsänger gut klingen, die ein Ohr füreinander haben? Regelrecht ergreifend der “Auszug” durch das in kalte Wintersonne getauchte Kirchenschiff am Ende des Britten-Zyklus’ mit einer Melodie auf den Lippen, die an die gregorianischen Gesänge erinnert. Man schließt die Augen und hört sich in eine Welt des klanglichen Ebenmaßes hinein… Ebenso anspruchsvoll wie ansprechend, so läßt sich der Auftritt wohl nur zusammenfassen.
Natürlich hätte man dem Chor mehr Publikum gewünscht, aber der überschwengliche Beifall ließ manch leere Bank verschmerzen, und die Gemeindepfarrerin, der höchster Dank für die Organisation des Konzerts gebührt, formulierte den Wunsch aller auf trefflichste Weise: “Laßt doch eure Stimmen hier!”
Das geht freilich nicht! Denn nach diesem Auftauen und Aufwärmen in frostigen Gotteshäusern gilt es erst einmal, den Erlanger Freunden der Chormusik ein Kleinod von vorzüglichstem Schmelz vorzustellen, das den Vergleich mit semiprofessionellen Frauenchören nicht zu scheuen braucht. Und dann gibt es da noch eine Einladung, derentwegen der Wladimir-Blog überhaupt erst auf das Ensemble aufmerksam wurde: Im Herbst soll es in die russische Partnerstadt gehen, um mit einem Mädchenchor von dort gemeinsam aufzutreten und eigene Konzerte zu geben. Für die Mädchen eine Premiere, für ihren Lehrer Joachim Adamczewski eine Wiederholungstat, führte er doch schon seine “Grillen” vor bald drei Jahren von der Kljasma in den Kreml.
Dieses Vorhaben führt uns zu dem “freien Eintritt” zurück. Am Ende der Konzerte wurde für die Reisekasse gesammelt. Die noch unbekannte Füllmenge des Klingelbeutels steht hierbei gar nicht einmal im Vordergrund. Beeindruckend einfach, daß die Schülerinnen hier dafür singen, um in Wladimir singen zu können. Sicher werden die Eltern noch dazuhelfen, und das Kulturamt sollte sich auch nicht allzu knausrig zeigen, vielleicht lassen sich sogar noch Mäzene für die Sangesfahrt gewinnen. Aber gewonnen hat der Chor in jedem Fall schon dadurch, daß er sich am eigenen Schopf packt. In so einem Fall ist der Erfolg nur noch eine Frage der Zeit. Und die bei einem Konzert des “Mädchen-Auswahlchors” zu verbringen, ist nie und nirgendwo verkehrt!
Nachbemerkung: Aus der Chronik von Thuisbrunn wissen wir, daß Karl der Große im Jahr 782 hier an der Siedlungsgrenze zwischen slawischen und germanischen Stämmen blutig neue Linien auf der Landkarte gezeichnet hat. So viele Jahrhunderte später ersingt sich hier nun ein mittelfränkischer Mädchenchor seine Reise zu den ostslawischen Russen in Wladimir, - ein Zeichen der Völkerverständigung. Eine ebenso späte wie schöne Fügung der Geschichte!




[...] aber gerne angenommen. Ach ja: zum Nachlesen und zur Steigerung der Vorfreude noch die Links: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/01/06/zum-auftakt-zwei-konzerte-fur-wladimir und [...]