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19 Jahre ist es her, daß in Wladimir ein schreckliches Verbrechen geschah. Ein minderjähriges Mädchen wurde von drei Männern vergewaltigt. Erst jetzt aber hat jeder seine Strafe erhalten. Der erste konnte unmittelbar nach der Untat verhaftet werden, der zweite tauchte unter, fiel aber einige Jahre später in Moskau einem Mord zum Opfer, und der dritte Täter, Oleg Kusnezow, ein ehemaliger Mitarbeiter des Innenministeriums aus der Region Wladimir, setzte sich nach Deutschland ab und erhielt hier – man höre und staune – politisches Asyl.

Inzwischen hat der Peiniger des Mädchens die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, die ihn vor dem Zugriff der russischen Rechtsprechung schützt. Doch nun gelang es, im Rahmen der europäischen Konvention über die gegenseitige Rechtshilfe, gegen den Vergewaltiger ein Verfahren einzuleiten. Die Wladimirer Ermittler schickten ihre Ergebnisse und Erkenntnisse an das Landgericht Nürnberg – Fürth, und dort sprach man am Freitag Recht. Freilich kam dabei ein unverständlich mildes Urteil zustande: ein halbes Jahr Haft, zwei Jahre auf Bewährung und eine Geldstrafe von € 5.000.

Irina Minina kommentiert denn auch das Strafmaß kritisch: „Für uns ist das schon ein wenig seltsam, daß jemandem, der sich seiner Bestrafung entzogen hat, die verstrichene Zeit angerechnet wird. Dennoch ist es erfreulich, wie die internationale Zusammenarbeit dabei geholfen hat, ein Grundprinzip unserer russischen Strafprozeßordnung durchzusetzen, nämlich die unbedingte und unumkehrbare Bestrafung für eine begangene Straftat. Anderswo hat es derartige Fälle schon gegeben, aber für uns in Wladimir ist dies das erste Mal, daß wir so direkt in der internationalen Partnerschaft kooperieren.“

Ein schöner Erfolg für Europa, daß es keinen Schutzraum, auch nicht im Rahmen von Asyl, für Verbrecher gibt. Daran arbeitet die IPA, von der gewiß nicht zufällig gestern hier zu lesen war, daran arbeitet die Städtepartnerschaft, über deren Vermittlung in obigem Fall übrigens zwei Kommissare schon vor über einem Jahr von Nürnberg nach Wladimir gereist sind. 

Justizia in Europa

Den endgültigen Beweis für die politische, kulturelle und gesellschaftliche Zugehörigkeit Rußlands zu Europa - wenn er denn noch hätte erbracht werden müssen – lieferte am Donnerstag das Verfassungsgericht in Moskau: Es blockierte die von einigen politischen Kräften betriebene Aufhebung des Moratoriums über die Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe. Und zwar, wie Walerij Sorkin, Vorsitzender Richter, sagte, „endgültig und nicht anfechtbar“, begründete durch internationales Recht sowie das in den vergangenen zehn Jahren seit Einführung des Moratoriums gewachsenene Rechtssystem mit seinen „festen Garantien gegen eine Anwendung der Todesstrafe“. Wenn das nur auch in den USA endlich so weit wäre. Washington sollte sich deshalb im Menschenrechtsdialog mit Moskau durchaus auch an die eigene Brust klopfen. Denn: Rußland, du hast es besser!

Die Wladimirer Gäste, eingerahmt von Udo Winkler und Klaus Hofmann

„Da werden wir noch lange zu kauen und zu verdauen haben, bis all die Informationen und Eindrücke von der Reise verarbeitet sind“, blickt Pawel Bondarjew, Organisator des Austausches von Mitgliedern der International Police Association (IPA) auf eine Woche Arbeitsbesuch zurück. Stationen neben Erlangen in Nürnberg, Feucht, Bamberg, Herzogenaurach, Rothenburg o.d.T., Begegnungen mit allen Bereichen der Polizeiaufgaben von der Hubschrauberstaffel bis zur Wasserwacht, von der Drogenfahndung bis zur Leitstelle für die Autobahn ließen die Tage wie im Schnelldurchgang an den vier Gästen aus Wladimir vorbeirauschen.

Pawel Bondarjew, ein in Erlangen schon seit fünfzehn Jahren gut bekannter Organisator vor allem von Jugendbegegnungen, hatte schon 2005 die Idee vorangebracht, die Polizeikontakte der Partnerstädte, die bereits Anfang der 90er Jahre von Stadtrat Klaus Könnecke initiiert wurden, zu erweitern. Gut Ding will aber Weile haben, und so reisten Gerhard Kallert, Chef der Erlanger Polizei, mit dem Vorsitzenden der Erlanger IPA, Klaus Hofmann, und dessen Stellvertreter, Udo Winkler, 2007 nach Wladimir und unterzeichneten einen Vertrag über die Gründung einer Depandance ihrer Organisation. Ein durchschlagender Erfolg, wie sich schon kurz darauf herausstellen sollte.

Heute hat die IPA Wladimir schon 300 Mitglieder und will sich nun auch auf die Region ausweiten. Um Veranstaltungen in den Bereichen Kultur und Sport kümmert man sich, aber auch Reisen veranstaltet man, und besonders am Herzen liegt der Vereinigung die Kinder- und Jugendarbeit. Gerade da würde man gerne enger mit Erlangen zusammenarbeiten. Warum nicht bei Kampfsportarten, auf die man in Wladimir besonders stolz ist? Pläne gibt es schon viele.Für das nächste Jahr ist in jedem Fall wieder eine Abordnung aus Erlangen eingeladen. Gedacht ist u.a. an ein Seminar zum Thema Ausbildung an der Juristischen Fachakademie. Schließlich gibt es diese Art von Wissenstransfer schon in vielen Bereichen der Partnerschaft.

Themen gibt es ja genug, ebenso wie Unterschiede in der Außenwirkung, Selbstwahrnehmung und Effektivität. Vor allem über die Bürokratie klagen die russischen Gäste. „Die und eine aufgeblasene Hierarchie erdrücken uns und unsere Arbeit“, heißt es wie aus einem Munde. Was in Erlangen ein Sachbearbeiter schafft, ist in Wladimir nur von zwei oder gar drei Kollegen zu schaffen. Zu schaffen machen Planvorgaben zu Anzeigen und Verhaftungen, Strichlisten, die gut für die Statistik sind, aber wenig aussagen über die tatsächliche Kriminialität. Endlich abschütteln will man auch das negative Image des russischen Milizionärs. Deren häufig ruppiges Auftreten könne man sich damit erklären, daß sie oft nur aus Mangel an Alternativen zur Polizei gehen und es nie gelernt haben, sich auch gegenüber Verdächtigen oder gar Schuldigen höflich und korrekt zu benehmen. Das Bewußtsein, ein Bürger in Uniform zu sein, fehle noch. Da helfen auch nicht die vielen Annehmlichkeiten, die ein Polizist mittlerweile genießt: vergünstigte Wohnungen und Urlaubsreisen, endlich gute technische Ausrüstung – und nach 20 Jahren Dienst schon die Pensionierung, sollte man nicht in den höheren Rängen jenseits der drei Sterne bis zum 60. Lebensjahr weiterarbeiten. Unverständlich bleibt den Besuchern allerdings, warum die Erlanger ihre hochmoderne Schießanlage so selten nutzen. Drei bis vier Mal im Jahr legt hier ein Polizist auf einen elektronischen Pappkameraden an, in Wladimir rauchen die Colts mindestens einmal pro Woche. Ein weiterer großer Unterschied liegt darin, daß es russischen Polizisten nicht erlaubt ist, sich in politischen Parteien oder gemeinnützigen Organisationen zu betätigen. So sitzt kein einziger Ordnungshüter im Wladimirer Stadtrat, während es in Erlangen gleich deren drei gibt: Klaus Könnecke und Jörg Volleth. beide CSU, sowie Helmut Wenning von den Grünen. Eben deshalb, so mutmaßen die Gäste, stünden die Gesetze in Deutschland auf allen Ebenen besser mit der Praxis der Ermittlungsarbeit und Strafverfolgung in Einklang. Aber auch auf die IPA hat dieses Reglement Auswirkungen: Aktive Polizisten können nicht Mitglied werden. So handelt es sich bei dem Verein in Wladimir um einen Seniorenverband in der Alterskategorie 45 +. Da können die Mitgliedsbeiträge nicht hoch sein, auch wenn die meisten nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst etwa bei Wach- und Schließgesellschaften weiterarbeiten, da ist man für die gemeinnützige Arbeit auf Sponsoren angewiesen. 

Heute abend fliegt die vierköpfige Delegation wieder nach Hause. Ab München, wo die dortigen IPA-Kollegen noch eine Stadtführung organisieren. „IPA ist wie eine große Familie. Wo man hinkommt, wird man aufgenommen, als hätte man schon immer dazugehört. Das ist eine großartige Freundschaft, für die wir dankbar sind. Wir werden sie weiterhin gut pflegen und freuen uns auf den nächster Besuch unserer Kollegen aus Erlangen!“ Die Worte des Danks an Udo Winkler, den jetztigen Vorsitzenden der Verbindungsstelle der IPA in Erlangen und Organisator der Aufenthalts, wiederzugeben, würde Stoff für einen eigenen Blog-Eintrag liefern. Sie lassen sich aber auch auf einen Begriff zusammenziehen: молодец! Prachtkerl!

Mehr zur IPA, der mit fast 360.000 Mitgliedern in 61 Staaten größten Berufsvereinigung der Welt, unter www.ipa-deutschland.de.

Wladimir in Rock

No Trouble: Anton, Michail, Andrej und Alexej

Es ist schon ein kleines Wunder, das da geschehen ist, nachdem unerwartet die schwedischen Partner aus Eskilstuna, wo der Rock-Nachwuchs besondere staatliche Förderung erfährt, in dem Jahr nach vier Jahren in Folge heuer keine Band zum Newcomer-Festival nach Erlangen schicken konnten. Es sprang nämlich ausgerechnet Wladimir in die Bresche, Wladimir, das im Bereich Kultur hier in Franken über ein Vierteljahrhundert hinweg für vieles bekannt und geschätzt ist, sicher aber nicht den Ruf genießt, der aktuellen Rockmusik eine Heimat zu bieten. Chöre, Folklore-Ensembles, Solisten, Orchester, Schauspieler, Schriftsteller, Puppentheater, Ausstellungen, Künstlerbegegnungen, sogar Jazzer… Das ganze Programm eben. Bis auf die Rockmusik. Diesen weißen Fleck auf der Landkarte der Partnerschaft hatte vor Jahren auch schon Karl Heinz Lindner, 1. Vorsitzender des Stadtverbands Kultur, erkannt und begleitete persönlich eine Erlanger Band nach Wladimir; später spielte sogar Fiddler’s Green während des 20jährigen Partnerschaftsjubiläums in der Stadt an der Kljasma. Aber es wollte bisher nicht gelingen, eine Band von dort nach hier zu bringen.

Dabei ist die Einladung das eine, die Teilnahme etwas ganz anderes. Da muß nämlich einiges in Gang und vor allem Geld ins Spiel kommen. In einem Land, wo es bisher für junge Rockmusiker – ganz im Unterschied zum klassischen Fach – keinerlei staatliche Förderung gibt, und erst recht in einer Stadt, deren zusammengestrichener Kulturetat längst anderweitig verplant war, ganz unerwartet die Gelegenheit zu erhalten, erstmals ins Ausland zu reisen, ist schon ein kleines Wunder für „No Touble“. Die Band, gegründet vor fünf Jahren von Andrej, sieht sich dem Metall-Stil des „Alternative Rock“ der 90er Jahre und den Helden ihrer Jugend wie „Machine Head“, „Sepultura“ oder „Soulfly“ verpflichtet. Ihrer Jugend? Ja,  die Musiker aus Wladimir geben zwar heute und morgen beim Newcomer Festival ihr Debüt im Erlanger E-Werk, aber zu den Jüngsten werden sie dort nicht mehr zählen, sind sie doch schon im gesetzten Alter von 21 bis 28 Jahren und haben bereits vor der Gründung ihrer Band Musik gemacht. Musik übrigens durchaus auch klassischer Prägung. Einer von ihnen, Michail, war sogar schon als Junge mit dem Knabenchor von Eduard Markin in Erlangen, woran er noch lebhafte Erinnerungen hat. „No Trouble“ rechnet sich selbst trotzdem immer noch zum Underground. Man muß zwar nicht mehr überall und nur für Gottes Lohn spielen, hat sich einen Namen gemacht und sogar beim Stadtfest Anfang September den Publikums- und Jurypreis gewonnen, kann sogar in einem Kulturhaus mietfrei proben, aber es fehlt an Bühnen und Clubs für Auftritte. Vor allem in der Provinz rund um Wladimir, wo man bisher die meisten Gigs gegeben hat. Die Musik spielt halt doch in Moskau, wo es neben anständigen, wenn auch unanständig teuren Instrumenten auch das Publikum gibt. Da ist die Spannung natürlich groß, wie ihre Stücke – abgesehen von Cover-Versionen in russischer Sprache - bei den Erlanger Rockfans ankommen. Zwei Mal wird man das zu sehen und zu hören bekommen: Heute abend um 21.30 Uhr auf der Kellerbühne, und morgen um 23.15 Uhr auf der Club-Bühne.

Ganz ohne „Trouble“ geht es bei der Truppe natürlich nicht, zumal sie 2004 ohne das „No“ im Namen anfing und erst durch den verneindenden Zusatz aus dem Gröbsten herausfand. So ist das eben, wenn der Name zum Programm wird. Was aber, wenn, wie kurz vor der Abreise, der Rhythmus-Gitarrist sich das Bein bricht? Aus dem Tritt läßt man sich dadurch nicht bringen. „Als Band muß man immer auf alles eingestellt sein“, lacht Andrej, Gründer und Kopf der Band. „Schlimmer wäre es, wenn unser Schlagzeuger ausgefallen wäre. Ohne Iwan, unseren fünften Mann, werden wir halt noch härter, noch aggresiver spielen.“ Karin Lippert vom Kulturamt, dem die Förderung der Projekts zu verdanken ist, schreckt das nicht. Sie weiß, wie sie die Jungs zu nehmen hat: „Bühne und Leben sind zwei ganz verschiedene Dinge. Richtig zuvorkommend, ausgesprochen freundlich, interessiert und angenehm sind die Vier.“ Und ihre Kollegin, Dina Kruglowa, im nächsten Jahr für das Programm der Erlanger Band zuständig, die den Publikumspreis erhält, strahlt, wenn sie von ihren ersten Eindrücken berichtet: „Nürnberg, Erlangen, die Gastfreundschaft, alles wunderbar.“ Womit wir wieder bei den kleinen Wundern wären.

Bevor es am Sonntag nach Hause geht, steht für die Band noch ein besonderer Programmpunkt an: ein Besuch in Treppendorf beim Musikhaus Thomann. Da leuchten jetzt schon die Augen, denn selbst in Moskau ist bisher bei Instrumenten die Auswahl begrenzt. Seit gestern nachmittag fühlen sich die Gäste aus Wladimir im übrigen in Erlangen schon wie zu Hause. Valentin Wetsch ist selber aus der Musikszene, und er spricht Russisch. Nun aber genug mit den kleinen Wundern. Bald heißt es, wie zu Ilja Richters Zeiten: „Licht aus, Spot an!“ im E-Werk zu Erlangen. Nix wie hin!  

Die Besetzung von „No Trouble“:

  • Andrej Trubin (Gitarre, Gesang), Gründer und Bandleader, Organisator von Konzerten;
  • Michail Buschin (Gesang), Ideengeber der Band mit klassischer Musikausbildung, lebte zwei Jahre in China, ist künstlerisch aktiv, ehemaliges Mitglied des Wladimirer Knabenchors;
  • Anton Goldow (Baß, Gesang), klassische Musikausbildung, sang früher in einem Kirchenchor;
  • Iwan Waschkowez (Gitarre), klassische Musikausbildung;
  • Alexej Schtschibrow (Schlagzeug).

Nicht nach Südafrika zur Weltmeisterschaft fahren zu dürfen, ist für Rußland bitter. Aber es dreht sich auch dort nicht alles um den Ball, und Weltmeister ist man ja schon in den unterschiedlichsten Diszplinen. Nein, nicht nur im Sport, sondern auch in der Kultur. Von Artjom Markin ist die Rede, dem Leiter des Landessymphonieorchesters Wladimir und Direktor des Zentrums für Chormusik, der sich mit dem Titel Weltmeister schmückt und ihn nun auch noch verteidigen will.

Artjom Markin mit seinem Orchester

Dazu ist er eigens in die Türkei geflogen, wo er an einem einzigartigen internationalen Projekt teilnimmt, „Klavier-Quartett“ genannt und ersonnen von dem Pianisten Alexander Gindin. Artjom Markin hat bereits vor zwei Jahren in Moskau gleichzeitig das Spiel von vier Klavieren dirigiert, eine Leistung, die vor ihm noch niemand in der Musikgeschichte vollbracht hatte. Dabei mußten Musiker und Dirigent vor dem Auftritt sich mit nur einer einzigen Probe begnügen. In der Türkei will Artjom Markin noch eins draufsetzen. Zunächst schwingt er den Stab beim hochkarätig besetzten Klavierfestival in Antalya, und dann ein weiteres Mal in Istambul. Die vier Pianisten werden unter seinem Dirigat Musik aus dem Ballett „Die Spielzeugschachtel“ von Claude Debussy und den „Bolero“ von Maurice Ravel spielen.

Die trauernden Fußballfans in Wladimir wird das kaum trösten, aber einen weiteren Grund, auf ihre Kulturschaffenden stolz zu sein, haben sie schon.  Und vielleicht gelingt ja nächstes Jahr, was im Frühsommer leider abgesagt werden mußte: ein Gastspiel des Weltmeisters am Pult mit dem Erlanger Kammerorchester und/oder der Jenaer Philharmonie. Ein lohnendes Ziel allemal.

Generalkonsul Andrej Grosow beim Eintrag ins Gästebuch mit Claudia Bittner, Anette Wirth-Hücking, Birgitt Aßmus, Siegfried Balleis, Karl-Dieter Grüske, Wolfgang Beck

Erst seit September ist Andrej Grosow Generalkonsul der Russischen Föderation in München, und schon nimmt er sich vier Stunden Zeit, um Erlangen und vor allem seine Partnerschaft mit Wladimir kennenzulernen. Protokollarisch beginnt so eine Visite natürlich im Rathaus, im Besprechungszimmer des Oberbürgermeisters, wo sich neben dem Rektor der Friedrich-Alexander Universität, Karl-Dieter Grüske, auch fast alle Fraktionen die Ehre geben. Wegen Krankheit entschuldigen lassen mußte sich freilich ausgerechnet  Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, von Amts wegen und mit ganzem Herzen zuständig für die Internationalen Kontakte. Voll des Lobes für den Gast und das Team vom Generalkonsulat wegen der stets reibungslosen und unbürokratischen Ausstellung der Visa war Siegfried Balleis und berichtete dem Diplomaten nicht nur von dem intensiven Austausch mit Wladimir, sondern auch der engen Zusammenarbeit der Siemens AG mit Rosatom und anderen russischen Partnern. Auch Magnifizenz Karl-Dieter Grüske ließ es nicht bei der Schilderung der Kooperation mit den beiden Wladimirer Hochschulen bewenden, sondern sprach auch von den gut 500 Partnerschaften der FAU mit Forschungseinrichtungen in mehr als 60 Ländern, darunter natürlich viele in Rußland. Besonders interessant dabei die mit dem Bayerischen Laserzentrum, angesiedelt in Erlangen, im Herbst in St. Petersburg vorgenommene Gründung eines Partnerinstituts. Sogar auf die aktuellen Studentenproteste und deren Hintergründe kommt die Sprache. In jedem Fall viel Gesprächsstoff, viele Gründe für den Gast, Erlangen bald wieder einen längeren Besuch abzustatten.

Generalkonsul Andrej Grosow im Hof der VHS mit der Wladimir-Runde

Nach dem Mittagessen mit Stadträtin Birgitt Aßmus empfing Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der VHS, den Diplomaten im Club International zu einer Gesprächsrunde mit Aktiven aus der Partnerschaft. Hier lernte Andrej Grosow eine Auswahl der Gesichter der Partnerschaft mit Wladimir kennen und eroberte mit seiner offenen und interessierten Art in perfektem Deutsch sein Publikum im Handstreich. Aus der geplanten Stunde wurden rasch eineinhalb Stunden, obwohl es allen Akteuren von Jürgen Üblacker, Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, über Uwe Wissendheit vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen, Heinz Römermann vom Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde oder Brunhild Schneider-Jonitz, Präsidentin des Soroptimist-Klubs, und Karin Günther, Vorsitzende der Erlanger Fotoamateure, gelang, sich bei der Darstellung ihrer Projekte kurz zu fassen. Besonders freute sich Andrej Grosow, der früher das Deutschlandreferat im Außenministerium geleitet hatte, über Pawel Bondarjew, der sich zur Zeit mit einer Polizeigruppe in Erlangen zum Austausch aufhält und die Partnerschaft aus Wladimirer Sicht vorstellen konnte. Ein Kreis schloß sich hier zum Empfang im Rathaus: immer wieder Dank für das Entgegenkommen bei der Visaerteilung. Andrej Grosow sähe, wie alle Anwesenden, die Visumspflicht jedoch am liebsten aufgehoben: „Wir drängen Deutschland immer wieder, völlige Reisefreiheit herzustellen. Wir sind bereit dazu. Schreiben Sie nach Berlin, verlangen Sie die Aufhebung der Visumspflicht zwischen unseren Ländern!“ Nach diesem Aufruf und dem Gruppenbild, auf dem nur Fritz Wittmann, der Weltkriegsveteran und Friedenssoldat, der heute Geburtstag feiert, und Wolfram Howein, Revisor des Erlangen-Hauses und Projektkoordinator des „Blauen Himmels“, fehlen, weil sie ihr Gespräch nicht abbrechen wollten, enteilte der Generalkonsul zu seinem nächsten Termin nach München – mit dem Versprechen, bald wieder nach Erlangen zu kommen. Willkommen und добро пожаловать в Эрланген!

Fairy von Lilienfeld in Wladimir

„Wenn es so weit ist, zwitschern es schon die Kirchenschwalben weiter“, sagte sie mit einem Lächeln auf dem Sterbebett. Am Donnerstag ist Fairy von Lilienfeld im Alter von 92 Jahren verstorben. Heute wird sie in Hemhofen beigesetzt. Mit ihr geht nicht nur ein großer Mensch, eine herausragende Wissenschaftlerin, eine ebenso gütige wie kundige Vermittlerin zwischen der West- und der Ostkirche, eine aufrechte Frau im Talar, eine geisterfüllte Künderin des Wortes Gottes. Mit ihr geht auch eine Gründungsmutter der Städtepartnerschaft mit Wladimir. Als auf Erlangens Ansuchen nach einer Partnerstadt in der Sowjetunion Anfang der 80er Jahre aus Moskau der Vorschlag Wladimir kam, konnte man damit im Rathaus nicht eben viel anfangen. Doch man hatte ja wissenschaftlichen Sachverstand vor Ort. 1966 hatte Fairy von Lilienfeld einen Ruf der Friedrich-Alexander Universität erhalten und die Friedrich-Schiller Universität Jena verlassen, um in Erlangen als erste Theologieprofessorin Westdeutschlands den Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens aufzubauen und bis zu ihrer Emeritierung 1984 zu leiten. Hochangesehen in der russischen Orthodoxie und Ehrenmitglied der Moskauer Geistlichen Akademie, war es Fairy von Lilienfeld, die Dietmar Hahlweg, dem damaligen Oberbürgermeister und Initiator der Städtepartnerschaft Mut machte: „Wladimir ist nicht nur die historische Hauptstadt Rußlands. Hier ist bis heute ein Zentrum der Spiritualität, der Kultur, des russischen Wesens. Erlangen kann stolz sein, mit einer so schönen Stadt eine Partnerschaft eingehen zu dürfen.“ Und Rudolf Schwarzenbach, nach wie vor der gute Geist der Verbindung zu Wladimir, erinnert sich dankbar: „Fairy von Lilienfeld hat uns damals bei der Entscheidung für Wladimir viel geholfen.“

Sie hat freilich nie viel Aufhebens um ihre wichtige Rolle zu Beginn der Partnerschaft 1983 gemacht, aber sie verfolgte die weitere Entwicklung der Jumelage über ein Vierteljahrhundert hin mit großer Sympathie und viel Aufmerksamkeit. Im Oktober vergangenen Jahres ließ sie es sich – schon im Rollstuhl – nicht nehmen, am Festakt zum 25jährigen Jubiläum teilzunehmen und mitzuerleben, wie nun auch Jena, von wo aus sie nach Erlangen gekommen war, in die Partnerschaft mit Wladimir einbezogen wurde. Ein Moment der besonderen Freude, wie sie bekannte. Gefreut hat sie sich auch über die immer enger werdenden Kontakte der Theologen der Partnerstädte, die sich schon im Februar 2010 wieder am Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaft zu einem Symposium treffen werden. Und ganz in ihrem Sinne führt heute mit viel Feingespür für Nuancen Hacik Rafi Gazer die Verständigungsarbeit zwischen West und Ost auf ihrem einstigen Lehrstuhl fort.

Wir wollen aber eine Freundin aus Wladimir zu Wort kommen lassen, Alissa Axjonowa, die Gründerin und Leiterin des Landesmuseums Wladimir-Susdal:

„Meiner Arbeit entsprechend habe ich sehr viele Begegnungen, häufig mit bemerkenswerten Menschen. Doch einige dieser Begegnungen hinterlassen einen lichten Fleck, gut und unvergeßlich, wie es die Begegnungen mit Fairy von Lilienfeld waren.

Fairy von Lilienfeld und Alissa Axjonowa

Juni 1988. Beginn der Perestrojka. Es passieren Dinge, die man sich noch vor einigen Jahren nicht hätte träumen lassen: Das tausendjährige Jubiläum der Taufe Rußlands wird landesweit gefeiert. Wladimir und Susdal gehören zu den Hauptzentren, die auf dem Besuchsprogramm einer großen offiziellen internationalen Delegation stehen, geleitet vom Oberhaupt der Georgischen Kirche, Elias II. Der Delegation gehörte eine ältere, grauhaarige Dame mit einem gütigen Gesicht und wunderschönen blauen Augen an, die sich im reinsten, akzentfreien Russisch an mich wandte und sich als Theologieprofessorin und Bürgerin der Partnerstadt Erlangen vorstellte. Es entspann sich ein ungezwungenes und freundliches Gespräch, in dessen Verlauf ich von Fairys Vater, von ihrer Kindheit in Rußland (besser in Aserbajdschan, in Baku) und vieles mehr an Interessantem aus ihrem Leben erfuhr, dem Leben einer Wissenschaftlerin, einer Universitätsdozentin, der die Welt nicht fremd war. Mit nicht weniger Interesse befragte sie mich zu meiner Arbeit und meinem Leben, untrennbar verbunden mit der Wiedergeburt und Bewahrung der Architekturdenkmäler und den wechselseitigen Beziehungen zur wiedererstarkenden Kirche.

Fairy kam zwei weitere Male mit Delegationen aus Erlangen nach Wladimir. Jetzt begegneten einander schon gute Bekannte. Gerührt war ich von ihren Geschenken: keine Souvenirs, sondern praktische und zugleich schöne Dinge. Sie kannte unsere Alltagsnöte jener Jahre.

Fairy von Lilienfeld im Gespräch mit Alissa Axjonowa

1987 besuchte ich anläßlich der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags Erlangen zum ersten Mal. Gemeinsam mit Fairy nahm ich an einem großartigen Ausflug mit einer Museumsbahn in die Fränkische Schweiz teil. An jeder Haltestelle erwartete uns eine neue gelungene Überraschung mit Bewirtung, Tanz und Musik. Wie sehr sich doch Fairy über die fränkischen Weisen freute! Wie klug sie mir doch die Bräuche Frankens erläuterte!

1995 brachte ich die Ausstellung „Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft“ über die Lager in der Region Wladimir nach Erlangen. Ich hatte so gehofft, Fairy wiederzusehen. Ich fand ihr Haus in Hemhofen, doch ihre Nachbarn, die Fairy respektvoll „unsere Dame“ nannten, gaben mir  leider die Auskunft, sie sei verreist. So sind mir nur Photos von ihren Besuchen in unserer Stadt als Erinnerung an diese bemerkenswerte Frau geblieben.“

Es bleibt aber auch eine traurigstimmende Nachbemerkung. Dieser Tage mehren sich die Zeichen aus dem Moskauer Patriarchat in Richtung Abbruch der nun schon fünfzigjährigen Beziehungen zur EKD. Kein geringerer als Erzbischof Ilarion, außenpolitischer Sprecher des Patriarchen, stellt die Frage, wie das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche denn bitteschön Margot Käßmann, der neuen Vorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands protokollarisch begegnen solle: „Wie soll der Patriarch sie ansprechen, und wie kann er sich mit ihr treffen?“ In der Orthodoxie ist die Ordinierung von Frauen undenkbar. Bisher hatte man weibliche Bischöfe bei den Protestanten stillschweigend hingenommen. Doch eine Frau an der Spitze der Kirche? Das ist des Schlechten zu viel.

Fairy von Lilienfeld half vor 50 Jahren maßgeblich, den Dialog aufzunehmen. Zeitgleich mit ihrem Tod droht er nun zu verstummen. Welch eine Tragik, welch ein Verlust für die Ökumene! 1989 gab Dietrich Goldschmidt den Sammelband „Frieden mit der Sowjetunion – eine unerledigte Aufgabe“ heraus. Darin der Beitrag „Versöhnung aus der Sicht der Kirchen in der Sowjetunion“ der Autorin Fairy von Lilienfeld. Die Sowjetunion ist Geschichte, Rußland ist heute Freund und Partner. Aber offenbar sind Frieden und Versöhnung mit der Ostkirche noch immer eine unerledigte Aufgabe.

 

Willkommen in Wladimir

Alexander Samojlow, 2 v.r., begrüßt die Erlanger Gruppe von Uwe Wissendheit, 1. v.r.

Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS), des Lehrstuhls für Informationstechnik der Universität Erlangen-Nürnberg (LIKE) und der Firma IR-Systeme haben sich am 14. und 15. Oktober in der Partnerstadt mit Wissenschaftlern der Staatlichen Universität Wladimir, der Polytechnischen Universität Sankt Petersburg sowie russischen Firmen zu einem Kooperationsworkshop getroffen. Ziel war es, auf beiden Seiten Ideen vorzustellen, die eine Basis für zukünftige, gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sein können. Damit wurde die bereits langjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit in der Aus- und Weiterbildung von Studenten oder bezüglich vereinzelter gemeinsamer Projekte um eine neue Stufe der Kooperation zwischen den beteiligten Partnern erweitert.

Uwe Wissendheit, Projektleiter und Initiator des Workshops auf deutscher Seite, wertet die Veranstaltung als einen großen Erfolg, da sich schon während des Workshops Fachgruppen gebildet haben, um bereits mit einer konkreten Planung von gemeinsamen Projekten zu beginnen. Im März nächsten Jahres ist ein weiterer Workshop in Erlangen geplant, auf dem dann bereits erste konkrete Ergebnisse bezüglich der Realisierung der Projektideen vorgestellt werden sollen.

Wer nicht so lange warten will, werfe mit Alexander Samojlow, Dekan der Fakultät für Radiophysik, Elektronik und Medizintechnik und Leiter des Treffens auf russischer Seite, einen Blick zurück in die Geschichte der wissenschaftlichen Beziehungen:

Alexander Samojlow

Dekan Alexander Samojlow

Unter dem Programm „Wladimir – Erlangen“ gibt es seit 2001 jährliche Arbeitsbegegnungen der Forscher von der Staatlichen Universität Wladimir, vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Neben gemeinsamen Entwicklungen ist das Ziel solcher Treffen auch die Auswahl von Studenten und Doktoranden, die zu einem oft mehrmonatigen Praktikum ans Fraunhofer Institut nach Tennenlohe kommen. Neun derartiger Seminare haben bereits stattgefunden. Alternierend werden die Workshops in Wladimir einmal von Ludmila Suschkowa oder Alexander Samojlow geleitet und stehen entweder unter dem Motto „Physik und Radioelektronik in der Medizin und Ökologie“, oder unter der Überschrift „Perspektiven der Technologie in der Daten- und Informationsübermittlung“.

Neben diesen regelmäßigen Konferenzen organisieren die Partner auch thematische Seminare. 2002 haben die Erlanger für ihre Wladimir Kollegen auf der Weltausstellung für Technik in Berlin einen Stand zur Verfügung gestellt, und Anfang September 2003 lud die Staatliche Universität Wladimir zum wissenschaftlichen Symposium „Chancen und Herausforderungen der Informationstechnologie“ ein. Im April 2006 und im Mai 2007 besuchte Alexander Samojlow selbst Erlangen und erörterte mit seinen deutschen Kollegen die Ergebnisse der Studentenpraktika. Im Mai 2007 war es dann auch, daß ein Alumni-Programm erarbeitet wurde, um ein Kommunikationsnetz für die vielen Studenten aufzubauen, die bereits ein Praktikum in Erlangen durchlaufen und zum großen Teil schon eine Anstellung gefunden haben. Der Gegenbesuch mit sieben deutschen Forschern kam schon ein Jahr darauf in Wladimir zustande, und man kam zu dem Schluß, die wissenschaftliche Zusammenarbeit noch weiter zu vertiefen. Und damit sind wir auch schon bei dem Seminar vom 14. bis 15. Oktober und dessen Fortsetzung in Erlangen 2010. Man darf gespannt sein, welche Impulse vom neuen Partner Sankt Petersburg, aber auch von seiten der einbezogenen Firmen kommen.

SGS - Torpedo Wladimir Fachpublikum

Klaus Michael (blaue Wollmütze) mit Fachpublikum

Für Klaus Michael, den 1. Vorsitzenden der Siemens Sportgemeinschaft Erlangen Fußball, war es gestern Ehrensache, die Altherren-Mannschaft von Torpedo Wladimir auf dem heimischen Platz an der Komotauer Straße zu empfangen. „Wir sind international ausgerichtet“, bekennt er gerne. „Südamerika und Togo gehörten schon zu den Fernzielen.“ Er selbst kennt aus seiner aktiven Zeit noch viele russischen Städte. Aber gegen die Gäste aus Wladimir spielen die Veteranen von Siemens zum ersten Mal.

SGS - Torpedo Wladimir - blau-weiß gemischt

Mannschaftsmix SGS - Torpedo Wladimir

Der Herbst fordert seinen Tribut in Form eines durchweichten Rasens, aber der Himmel hält dicht. Die Reihen dicht geschlossen halten nach dem Anpfiff um 14.00 Uhr aber auch die Gastgeber. Wie notwendig das ist, zeigt vor allem Dmitrij Wjasnikin, der immer wieder in langen Sätzen über das Feld sprintet und jede Lücke in der Abwehr geschickt nutzt. Da konnte denn auch das erste Tor nicht lange auf sich warten lassen. Unhaltbar ins lange Eck an den Pfosten und von da unglücklich für den Torwart ins Netz nach einer geschickten Vorlage von Sergej Nikonorow. Kurz vor der Halbzeit schafft Helmut Ulrich zwar den Ausgleich, doch nach der Pause erhöht Alexej Nosow auf 1 : 2, und Dmitrij Wjasnikin macht auch noch die Troika voll.

SGS Siemens - Torpedo - vor dem Anstoß

Vor dem Anpfiff

Als die Erlanger beim anschließenden Imbiß erfahren, daß sich Jena mit 1 : 4 und am Vortag eine Auswahlmannschaft in Nürnberg mit 0 : 4 geschlagen geben mußten, schallte es durch die Kantine: „Dann sind wir ja die besten!“ Dafür spricht auch der faire Verlauf des Spiels, anstandslos geleitet von Alois Albrecht von der Spielvereinigung Zeckern. Auch Klaus Michael zeigt sich zufrieden: „Das war gepflegter Altherren-Fußball.“

Um 17.01 Uhr schon stieg Torpedo Wladimir in den Zug nach Würzburg, der die Mannschaft über viele Umsteigebahnhöfe bis Mitternacht nach Straßburg brachte, wo heute um 11.30 Uhr das letzte Spiel ihrer Tournee auf dem Programm steht. Dann noch zwei Tage Freizeit, bevor es wieder nach Hause geht. In Erlangen zurück bleibt eine herzliche Einladung nach Wladimir. Im Juni oder Juli nächsten Jahres könnte man doch einmal im Stadion von Torpedo gegeneinander kicken. Die Einladung steht. Auch das ist Ehrensache.

Ein unerhörtes Glück

Angela Merkels Teilnahme an den Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November in Paris war eine Premiere, die nun auch in Rußland eine Diskussion angestoßen hat. Für Frankreich, das gut 8 Millionen Mann in den Stellungskrieg mit Deutschland schickte und 1,3 Millionen Gefallene zu beklagen hat, ist das Ende des Schlachtens vor 92 Jahren noch immer eine sinnstiftende Klammer für das Nationalbewußtsein. Anders in Rußland, das 12 Millionen Mann mobilisierte, von denen 1,85 Millionen nicht mehr nach Hause zurückkehrten. Zum Vergleich das Verhältnis bei Deutschland: 13.250.000 zu 2 Millionen. 

Nun fragt man sich nach den Gründen für das Vergessen. Immerhin fiel ja auch in Rußland kriegsbedingt die Monarchie. Liegt es daran, daß die Kommunisten auch und gerade in dem Punkt die Geschichte erfolgreich gefälscht haben und bis heute behaupten, sie seien es, die den Zaren entthront hätten? Legenden sind ja oft stärker als historische Fakten.

Iwan Naschiwin

Iwan Naschiwin

Jedenfalls herrschte bei Ausbruch des Krieges auch in Wladimir helle Begeisterung. Der Wladimirer Zeitzeuge und später ins Exil gedrängte Schriftsteller Iwan Naschiwin beschreibt das so:

Wenn in den ersten Kriegstagen jemand vom Mond oder Mars bei uns gelandet wäre, hätte er denken müssen, Rußland sei plötzlich ein unerhörtes Glück zugefallen. Tausendköpfige Mengen zogen im Freudentaumel durch die Straßen und trugen Landesfahnen, Ikonen, Portraits des blauäugigen Zaren. Sie sangen begeistert etwas, riefen heißblütig etwas, vollführten weitausholende Gesten, ihre Augen brannten in trunkenem Feuer, und ihre Gesichter strahlten.

Diese Euphorie hielt in Wladimir einige Tage und Wochen an. Nicht nur die Offiziere der Wladimirer Einheiten drängten an die Front, auch Studenten und Priesterseminaristen, die vorzeigtig ihre Prüfungen ablegen konnten, wollten zusammen mit Pfarrern und Frauen eingezogen werden. Es ist der Fall einer Frau bekannt, deren Mann fiel und die dann selber in die Schlacht zog und sogar mit dem Georgsorden ausgezeichnet wurde. Oder der damals fünfzehnjährige Leonid Smirnow, der im November 1914 aufbrach, „die Deutschen zu schlagen“. In seinen Briefen an die Eltern tröstete er sie mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des Kampfes. Andere Altersgenossen suchten, es ihm gleichzutun, wurden aber doch zumeist geschnappt und wieder zurückgebracht.

Die patriotische Welle sank erst in sich zusammen, als die Lebensmittelpreise explodierten und immer mehr Flüchtlinge die Stadt bevölkerten. Polen, Juden, Letten mußten untergebracht und verpflegt werden. In nur einem Monat trafen 30 Flüchtlingszüge in Wladimir ein. Wer konnte, quartierte sich in Hotels ein, andere kamen in Privathäusern unter oder mußten in den Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen kampieren. Damals, im 1. Weltkrieg, war es, daß Wladimir zu einer Lazarettstadt wurde. 30 Jahre später, im 2. Weltkrieg, war diese Infrastruktur schon gegeben und wurde einer noch härteren Belastungsprobe unterzogen.

Gedenktage wie der 11. November sagen heute vielen nicht mehr viel. Doch sie sind die Mahnung der Toten und Überlebenden an die Zukunft: Nie wieder Krieg in Europa! Welch ein unerhörtes Glück uns da heute zufällt, und wie unerhört gleichgültig wir ihm gegenüber geworden sind, würde Iwan Naschiwin heute konstatieren müssen.

Inna Filimonowa mit Trophäen

Inna Filimonowa mit ihren Trophäen

Am 3. September gab es im Blog einen u.a.-Eintrag zu Inna Filimonowa, heute besteht Grund, der Sportlerin aus Kowrow bei Wladimir gesondert zu gratulieren. Die 32jährige hat bei den Weltmeisterschaften im Kraftdreikampf, die in Indien ausgetragen wurden, in ihrer Klasse bis 56 kg alle Medaillen gewonnen.

Die nun fünffache Weltmeisterin, die von ihrem Mann, Wjatscheslaw Filimonow, trainiert wird, kam eher durch Zufall zum Kraftsport. Entdeckt hat die damalige Ski-Langläuferin vor zehn Jahren der russische Nationaltrainer für Kraftdreikampf, Sergej Iwanow, in der Turnhalle des Staatlichen Universität Wladimir, wo sie sich auf die Loipe vorbereitete. Schon nach wenigen Jahren stieß sie in der für sie neuen Sportart in die Weltspitze vor. Talent gehört natürlich zu derartigen Erfolgen, Voraussetzung ist aber nach den Worten der Gewichtheberin ein mehrstündiges Training – Tag für Tag. So kommen in der Woche drei bis vier Tonnen zusammen, die sie stemmt. Einiges in die Wiege wurde ihr aber sicher auch gelegt: Der Vater ist erfolgreicher Judoka, der Bruder Weltmeister im Fallschirmspringen.

Inna Filimonowa beim Training

Inna Filimonowa beim Training

In Indien mußte sich Inna Filimonowa gegen starke Konkurrenz aus Finnland und China durchsetzen. Vor allem das Reich der Mitte mache phantastische Fortschritte in dieser Disziplin. Wie sie sich da an der Spitze hält? Ihr Mann und Trainer hat die Antwort: „Sie ist ausgesprochen zielstrebig, innerlich sehr stark. Äußerlich wirkt sie zerbrechlich. Wer würde ihr schon auf den ersten Blick zutrauen, daß sie Gewichte hebt? Niemand. Ihre innere Kraft macht es.“

Übrigens hat Inna Filimonowa bereits begonnen, sich auf die nächsten Wettkämpfe vorzubereiten…

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