“Der Hl. Geist ist die Taube des Friedens für alle - auch für uns.” Dieses Wort zu Pfingsten eines Blog-Lesers diene auch als Vorwort zu der heutigen sechsten Fortsetzung der Erinnerungen von Günther Liebisch an seine Jahre in Gefangenschaft – in Wladimirer Lagern.
Als das Lager eines Tages einen LKW bekam, suchte man einen Beifahrer, und obwohl ich noch nicht fahren konnte, meldete ich mich und hoffte, dabei auch das Fahren zu lernen. So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Kostja, mit dem ich nun alles Mögliche für das Lager ranschaffte, u.a. Brennholz aus dem Wald von Penkino, wo eine Brigade aus unserem Lager Bäume fällte. Oder Brot von der Großbäckerei in der Stadt, Fleisch vom städtischen Schlachthof für die Küche, Naturalien für das Magazin vom Bahnhof, Kartoffeln und Kapusta (Kraut) von den in der Nähe von Susdal gelegenen Kolchosen, Sauerkraut aus Kowrow oder Fisch aus dem Waggon vom Bahnhof. Die kleinen Fische, unseren Sprotten ähnlich, waren gesalzen und wurden mit Schaufeln aus dem Waggon in Fässer geladen und zum Lager gebracht. In etwa Handvoll großen Portionen gab es sie täglich zu Mittag. Diese Fischchen verzehrten wir 0hne Kopf und Schwanz am Stück.
Auf den Fahrten über Land nahmen wir auch Zivilisten mit, die am Ortsausgang standen. Es gab keinerlei Busverbindungen. Die Anhalter mußten je nach Entfernung bezahlen. Ich erinnere mich an eine Situation, als ein junges hübsches Mädchen am Ziel angekommen, nicht bezahlen konnte, worauf Kostja die Jugendliche ohrfeigte und ihren Kofferinhalt auf die Straße schüttete, dann sogar noch mit den Füßen die Sachen zertrampelte. Ich hätte ihn umbringen können dafür. Auf einer Fahrt im Winter lag auf einer verschneiten Kreuzung weit ab von den Ortschaften ein lebloser Mann, den er einfach umfuhr, anstatt sich um die Person zu kümmern.

Günther Liebisch
Meine Aufgabe, insbesondere im Winter, war es, den Motor des SIS 5 in Gang zu bringen, der aufgrund des sehr steifen Öles durchdrehte und darum nicht auf den Anlasser reagierte. Um den Motor mit der Kurbel zu anzudrehen, war es dort üblich, Feuer unter dem Getriebe zu legen, was einige Zeit in Anspruch nahm. Ich hatte bereits in den Werkstätten diesbezüglich Erfahrung gesammelt und war somit der geeignete Beifahrer. Eines Tages, als der SIS 5 seinen Dienst versagte, stellte man uns einen Opel Blitz, wie der SIS ein Eineinhalbtonner, auf den Hof. Das neue Fahrzeug war für mich und auch Kostja erst mal gewöhnungsbedürftig, was aber bald vorbei war. Auf dem Weg nach Kowrow, wo wir Sauerkraut holen sollten, stockte dann einmal der Motor, da er zu heiß gelaufen war. Ich stellte bald die Ursache fest: Der Motor war zu heiß geworden, weil das Kühlwasser wegen der verlorenen Ablaßschraube am Kühler ausgelaufen war. Ich machte mich daraufhin auf die Suche nach der Schraube und fand diese wie ein Wunder mitten auf der Straße in etwa 300 Meter Entfernung. Nun hatten wir zwar die Schraube, jedoch kein Wasser, und das nächste Dorf war fast einen Kilometer entfernt. Auch fehlte uns ein Gefäß, um das Wasser zu holen, worauf ich Kostja zu verstehen gab, er solle sich auf den Weg machen und Wasser zu holen. Er lehnte sofort ab mit der Begründung, ihm werde niemand einen Eimer leihen. Also machte ich mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg und klopfte am erstbesten Haus in dem fast einen Kilometer entfernten Dorf an. Ich brachte mein Anliegen mit meinen kargen Russischkenntnissen vor, worauf man mich höflich ins Haus bat und wohl auch bald meine Herkunft erkannte.
Offensichtlich Mutter und zwei Töchter, eine bereits herangewachsen, baten mich zu Tisch, fragten mich nach meiner Herkunft, gaben mir dann zwei gefüllte Eimer, womit ich mich auf den Rückweg machte. Wir brachten das Auto auch bald wieder zum Laufen und setzten die Fahrt fort. Der gute Kostja jedoch wollte an dem Haus nicht anhalten, worauf ich einfach den Zündschlüssel abzog und so die Leihgabe zurückgeben konnte. Die drei Frauen hätten mich am liebsten dort behalten, da offenbar kein Mann im Haus war. Mit entsprechender Verspätung waren wir dann wieder im Lager, entluden das Auto und machten Feierabend. Es war ja auch schon recht spät.
Nach einiger Zeit wurde aus mir unbekannten Gründen im Lager nach einem Fahrer für den Opel gesucht, der sich mit diesem Fahrzeugtyp auskannte. Es meldete sich ein Georg Bickel, Autoschlosser aus Heidelberg und etwa 40 Jahre alt. Kostja war wohl für das Lager zu teuer gekommen. Ich freundete mich mit dem älteren Kameraden an, und wir nahmen das Fahrzeug gemeinsam in Besitz. Wir erledigten alle Transporte, reparierten auch schon mal den Blitz, und ich lernte unter Anleitung das Autofahren. Man bot uns auch bald eine separate Unterkunft in einem barackenähnlichen Anbau auf dem Lagerhof an, wo wir uns es gemütlich einrichten konnten. Wir beschafften uns auch eine Kochmöglichkeit und konnten unsere gelegentlich erbeuteten Produkte wie Graupen aus einem angebohrten Sack, einen großen Schellfisch oder gefrorene Schweineleber, die im Schlachthof als nicht mehr verwertbar im Abfall gelandet war, zubereiten und genießen. Apropos Genußmittel: Auf dem Weg nach Penkino, in unseren Wald, führte die Straße kurz vor der Kljasma, an der auch Wladimir liegt, an einem Fichtenwäldchen vorbei, aus dem uns an einem Frühjahrstag unüberhörbarer Krähenlärm anlockte, worauf wir dort eine kurze Pause einlegten. Dabei stellten wir fest, daß fast auf jeder der relativ engstehenden Fichte ein Krähennest mit fast flüggen Jungvögeln hing, was mich reizte, auf die Bäume zu steigen und mich von Baum zu Baum zu hangeln. Ich hatte zu tun, die Angriffe der Altvögel abzuwehren. Doch etwa fünf geeignete Jungvögel ließ ich fallen. Den Rest erledigte Schorsch unten. Somit hatten wir für einige Tage unsere Speisekarte mit gebratenen Raben aufgewertet.
Eines Tages, Schorsch hatte wieder einmal Post von daheim erhalten, sagte er zu mir: “Ich muß heim, und ich bitte Dich, mir dabei zu helfen.” – “Ja und? Wie stellst Du Dir das vor?” Seine Antwort: “Wir haben hier auf dem Hof drei Baumstämme liegen, die für mein Vorhaben auch schwer genug sind.” Ich sollte nun den schwersten Stamm anheben und auf seine linke Hand fallenlassen, was dann auch bald geschah. Aufgrund der nun folgenden Invalidität hoffte er, entlassen zu werden. Tatsächlich konnte er bald nach Hause.
Inzwischen war ich auch fähig, den Opel zu kutschieren, fand jedoch bald wieder einen passenden Ersatz für Georg. Bis das soweit war, fuhr ich mit unserem Lagerleutnant nach Gus-Chrustalnyj, um Glaswaren einzukaufen. Wir mußten, aus welchem Grund auch immer, dort übernachten und fanden Platz in einem Einfamilienhaus in unmittelbarer Nähe der Glashütte. Wir fanden Platz, wie ich meine, im Wohnzimmer der Familie, jeder auf einer Art Matratze auf dem Fußboden, nachdem man uns in der Küche einen Imbiß angeboten hatte. Am nächsten Morgen wachte ich von lautem Getrampel über uns auf, und bald danach erschienen drei Generationen: drei Kinder, deren Eltern und die Großeltern, die vor uns ins Obergeschoß geflüchtet waren. Auf der Heimfahrt hielten wir noch im Elternhaus meines Beifahrers an, dessen Mutter mich mit allen möglichen Speisen maßlos verwöhnte.
Bald danach erlebten wir wiedermal einen strengen Winter mit Temperaturen unter -20° C und ich, dieses Mal allein, mußte nach Penkino Holz holen. Auf der Heimfahrt auf dem Waldweg, noch weit von der Ortschaft entfernt, wollte mein Opel nicht mehr, und ich stellte bald fest, daß die Benzinpumpe keinen Sprit zum Vergaser lieferte. Ich baute die Pumpe ab und bemerkte, daß der Pumpenhebel, von der Nockenwelle betätigt, dermaßen abgenutzt war, daß der geringe Hub die Pumpe nicht ausreichend betätigte. In meiner Ersatzteilekiste entdeckte ich zum Glück ein Stück Eisendraht, etwa 5 mm lang, wickelte diesen Draht um den Pumpenhebel und baute die Pumpe schnellstens wieder ein. Wie gesagt, es mußte alles schnell gehen, da bei den Minusgraden der Kühler in kürzester Zeit einfrieren würde, denn Frostschutzmittel gab es dort nicht. Dabei kam schon mal Benzin auf meine Finger, was bei der Kälte unbeschreiblich schmerzhaft ist. Die Karre lief wieder, ich konnte den Kühler von meinem Mantel befreien, und unbeschreiblich glücklich setzte ich die Heimfahrt fort. Auf der letzten Fahrt mit dem Opel, wieder mit unserem Wachleutnant als Beifahrer, zu einer Kolchose hinter Susdal rappelte es kurz vor dem Ziel furchtbar im Motor. Es hörte sich wie ein Lagerschaden an, so daß ich mich unter den Wagen legte, die Ölwanne abschraubte und feststellte, daß das Pleuellager des Fünfzylinders ausgelaufen war. Ich entfernte das Pleuel mit Kolben, schraubte die Ölwanne wieder an und war überzeugt, der gute Opel werde auch mit fünf Zylindern den Heimweg schaffen. Diese Aktion dauerte seine Zeit, weshalb wir wiederum in einem kleinen Haus übernachten mußten. Wir saßen gemeinsam im Wohnzimmer, zusammen mit Haustieren wie Ziegen und Karnickeln, als ich plötzlich ein furchbares Jucken auf der Brust spürte. Ich schaute nach und entdeckte einige Flöhe, die sich offenbar an mir labten. Das war mir einfach zu viel, und ich entschloß mich, im Opel zu übernachten. Es war ja kein Winter.
Am nächsten Morgen schaute ich noch mal zum Motor und entfernte von der Kerze des Fünfzylinders das Kerzenkabel, das leider, von mir unbemerkt, mein lieber Beifahrer in der Annahme, ich hätte es vergessen, wieder aufgesteckt hatte. Auf der Heimfahrt knallte es im nächsten Dorf furchtbar unter der Motorhaube, worauf ich anhielt und feststellte, daß einmal der Fünfzylinder wieder gezündet hatte, wodurch das in die Ölwanne gelangte Kraftstoffgemisch explodiert und das gesamte Öl durch den Einfüllstutzen geströmt war. Somit war der Motor ohne Öl, weshalb ich nicht weiterfahren konnte. Ich mußte also sehen, wo ich Öl herbekam, und ging auf den Hof einer Kolchose gegenüber, sah dort niemanden und schaute auf die Ladefläche eines dort abgestellten Lkw der Marke GAS. Wie ein Wunder entdeckte ich dort einen Kanister, schwang mich auf das Gefährt und siehe da, der Kanister war voller Öl. Da kein Mensch zu sehen war, verschwand ich mit dem Fundstück, füllte das Öl in den Motor meines Opels und fuhr mit unruhigem Motor vorsichtig heim. Somit wurde der gute Opel ein weiteres Opfer der üblen Ölqualität und hinüber.
Zu den Fahrten primär für die Versorgung des Lagers gehörte auch der regelmäßige Weg zur Brotfabrik, wo sich hin und wieder die Gelegenheit bot, ein oder auch zwei Brote abzustauben, stets willkommen, um die Tagesration im Lager von 600 Gramm aufzubessern.
Fortsetzung folgt.