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Von SPAR zu SPAM

Spar

Spar - Werbung

Beim Lesen seiner Zeitung kann man sie überblättern oder gleich paketweise als Beilage in die Papiertonne wandern lassen, beim Fernsehen gibt es ebenso wie beim Radiohören die Möglichkeit, auf einen anderen Kanal umzuschalten oder wenigstens die Stummtaste zu betätigen, wenn man schon nicht den Ausknopf drücken will, die Internet-Nutzer klicken ein x an, und an den Briefkästen erwehrt man sich gegen sie – ja, jetzt ist es raus -, indem man den Hinweis „Keine Werbung“ aufklebt. So lästig sie ist, die Reklame, und je mehr wir uns gelangweilt und genervt von ihrer Omnipräsenz abwenden, desto teuerer freilich wird es für Verlagshäuser, Sendeanstalten, Druckereien, Werbeagenturen, Internetportale, die am Geldtropf dieser Industrie des schönen Scheins hängen. Aber das Faß machen wir heute nicht auf.

Spar Zusatz

Spar Kleingedrucktes

Seit etwa fünfzehn Jahren gibt es auch in Rußland so etwas wie Marktwirtschaft und Marketing. Straßen und Autobahnen sind gesäumt von riesigen Werbetafeln, die Reklameblöcke der TV-Kanäle dominieren das Programm, und die Briefkästen quellen über vor Wurfsendungen.  Besonders zu beachten – wir kennen das von den Kaffee-Fahrten, die dem russischen Publikum noch bevorstehen – ist bei diesen bunten Blättchen das Kleingedruckte.

Spar - Spam

Spar - Spam

Nun kann man sich über einen solch unverhüllten Versuch der Verdummung ärgern oder sich über ihn lustig machen.Wenn man sich die kreative Antwort eines Wladimirer Bloggers auf die Zumutungen der Werbebranche genau ansieht, ist klar, in welche Richtung man die inneren Energien lenken sollte.

Doch nun die Auflösung: Die Handelskette SPAR wirbt in Wladimir derzeit mit dem Spruch „Verwöhne dich mit einem Kaviarbrot zu 9,90 Rbl.“ Im Kleingedruckten, mit einem Sternchen gekennzeichnet, heißt es dann: „Der Preis gilt im Falle des Einkaufs der Waren bei SPAR. Die belegten Brote sind nicht im Verkauf erhältlich.“ Man beachte nun, was der Blogger in der Kopfzeile des dritten Bildes piktographisch anstellt. Großartig! So wird aus dem von SPAR massenhaft produzierten Spam fast so etwas wie Kunst. Gekonnt in jedem Fall.

Diamonds are forever

Nach einigen - zugegeben wenigen – Tagen der Schamfrist sei heute vorgestellt, was die Erlanger Nachrichten über den Wladimir-Blog schreiben. Immer mehr Zeitungsleser wagen sich in die Welt der virtuellen Tagebücher vor, während viele Blogger und deren oft selbst der „Szene“ angehörendes, längst nicht mehr nur jüngeres Publikum kaum mehr zu Printmedien greift, jedenfalls nicht in deren materialisierter Form. Es gibt kaum ein Blatt, das sich nicht einen mehr oder weniger gelungenen Auftritt im Netzt leistet, kaum ein Blog kommt ganz ohne Bezüge zum Journalismus herkömmlicher Prägung aus. Im Idealfall eine gegenseitige Ergänzung, Bereicherung, in jedem Fall eine Verbreiterung des Angebots für den umworbenen Leser.

Dieser Blog ist vor allem entstanden, weil keine Zeitung der Welt, auch nicht die Erlanger Nachrichten, willens und in der Lage sein kann, eine tägliche Kolummne zum Thema „Erlangen – Wladimir“ zu veröffentlichen. Auch wenn es noch so viel zu berichten gäbe. Dafür unterliegen Zeitungen zu vielen redaktionellen und verlegerischen Vorgaben, leiden zu sehr unter Kapazitätsfragen und kommerziellen Zwänge. Nicht zuletzt Journalisten sind es deshalb, die sich nebenher auch und gerade im Blog so manches von der Seele schreiben. Unzensiert und unfrisiert, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Frei, aber freilich auch ohne Honorar, wenn man von wenigen Lohnschreibern absieht, die sich im Netz eine Werbeplattform geschaffen haben oder weiter für Agenturen und sonstige Nachrichtenhändler arbeiten. Ansonsten aber leisten die Blogger ehrenamtliche Arbeit um, wie man früher sagte, Gottes Lohn. Selten, sehr selten geschieht es, daß ein Blog lobende Erwähnung in einer Tageszeitung erfährt. Eine Auszeichnung, die Ansporn ist und als Verpflichtung verstanden wird, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren. Die Arbeit hat sich gelohnt, wenn der Doyen der Erlanger Journalistik und ehemalige leitende Redakteur der Erlanger Nachrichten, Udo B. Greiner, ein Feinschmecker gewählter Formulierungen, den Wladimir-Blog in „Hugos Welt“ vorstellt. Erst recht dann, wenn der als durchaus kritisch  bekannte, aber stets faire Autor Worte der Anerkennung findet, die wie Diamanten aufleuchten und wie diese für die Ewigkeit gemacht scheinen. Schade, daß wir die nicht mehr erleben, die Ewigkeit. Doch dafür gibt es ja die Kunst u.a. des Blogs. Wie es schon im alten Rom hieß: vita brevis, ars blogi longa.  

Wer die Glosse noch nicht in den Erlanger Nachrichten gelesen hat, hole dies hier im Blog nach: Wahre_Diamanten_05 11 09_EN

Zugegeben, der gestrige Boxkampf in Nürnberg brachte Ästheten des Sports nicht eben in Verzückung und hat vor allem zunächst einmal herzlich wenig mit Wladimir und Erlangen zu tun, wenngleich sich da natürlich mindestens zwei freilich wacklige Brücken bauen ließen. Zum einen kann sich der entthronte Weltmeister eine Zukunft für sich und seine Familie durchaus in Nürnberg vorstellen; seine Kinder sollen es einmal besser als er in St. Petersburg haben und an der FAU studieren, die ja Erlangen vorne in ihrer Bezeichnung führt. Zum anderen gibt es auch in Wladimir eine starke Boxschule, die erst im Oktober gegen eine Jugendauswahl aus Deutschland im Ring stand und ein Unentschieden erkämpfte, die vor allem aber mit dem russischen Meister im Superschwergewicht, Denis Sergejew, der das Zeug für Mehr hat, sowie Nikolaj Bubnow, den Weltmeister im Schnellboxen, von sich reden macht.

Edelreizker

Edelreizker

Doch hier sollen heute keine Fäuste fliegen, wir treten auch nicht nach, sondern tun das, was Nikolaj Walujew, wenn er nicht gerade wortkarge Interviews gibt, vor der Kamera (sein Trainer sieht die Ambitionen seines Zöglings im Schauspielfach recht kritisch) oder eben auf der Matte steht. Wir folgen ihm in den Wald und in die Küche. Einen Monat lang bereitete sich der Ausnahmeboxer im Leistungszentrum Kienbaum bei Berlin auf den gestrigen Schlagabtausch vor. In der Freizeit machte er dann das, was jeder rechte Russe im Herbst am liebsten betreibt: Er ging in die Pilze. In den Kiefernwäldern fand er denn auch eimerweise, was er suchte, vor allem Reizker aus der Gattung der Milchlinge. Gerade der Edel- und Kiefernreizker wachsen auch in unserem Steckerlaswald, wenngleich der gemeine fränkische Pilzsammler diese oft stehenläßt, weil er sie – horribile dictu – gar nicht kennt. Erst recht nicht kennt er die vielen Rezepte, um sich deren Genuß auch im Winter zu gönnen. Nikolaj Walujew hat, wie er einer russischen Nachrichtenagentur gegenüber bekannte, in Kienbaum eine ganze Batterie von Einmachgläser mit seiner schmackhaften Beute gefüllt und sie unter den deutschen Sportsfreunden verteilt. Ein derartige Privileg wird den Bloglesern nicht zuteil, aber das Standardrezept sei zumindest hier verraten:

Nach gründlicher Auswahl der Pilze, die leider oft von Maden befallen sind, schneidet man die Stiele unterhalb des Hutes ab. Die Kappen kommen dann in kaltes Wasser und werden sorgfältig gereinigt und unter fließendem Wasser gewaschen. Darauf legt man die Pilzhüte für zwei Tage in Wasser ein, das pro Liter etwa zehn Gramm Salz und zwei Gramm Zitronensäure enthalten sollte. Zweimal am Tag sollte das Wasser gewechselt werden. Alternativ kann man die Pilze auch in Salzwasser (zehn Gramm Salz auf einen Liter) fünf bis sechs Minuten kochen und dann in einem Sieb unter laufendem Wasser abkühlen.

Gesalzene Milchlinge

Gesalzene Milchlinge

Jetzt kommt die Feinarbeit mit vielen Variationsmöglichkeiten. Man macht aber als Adept in Sachen Mykologie nichts falsch, wenn man die Schüssel wie folgt beschickt: eine kleine Salzschicht, einige Ringe Meerrettichwurzel, Johannisbeerblätter, Dillstengel, feingeschnittener Knoblauch. Darauf kommt mit der Oberseite nach unten eine erste Schicht – maximal sechs Zentimeter – von Pilzen. Wieder nicht mit Salz sparen und die nächste Pilzschicht nachlegen. So geht es weiter, bis das Gefäß gefüllt ist. Den Abschluß bilden Johannisbeerblätter, Dillstengel, Meerrettichwurzeln und Knoblauch. Jetzt legt man ein Tuch darüber und setzt die Pilze gehörig unter Druck – früher verwendete man dafür spezielle Steine -, bis sie nach zwei bis drei Saft abgeben. Wer sich die Mühe gemacht und sie dann in Gläser abgefüllt hat, die an einem kühlen Ort stehen sollte, kann sich den ganzen Winter über den Herbstwald in die Küche holen.

In dieser Saison wird auch der geübte Sammler nicht mehr viele Pilze aus der Familie der Täublinge finden, aber der nächste Herbst kommt bestimmt, und für ein neues Rezept ist es nie zu spät. Hier also noch für alle Fälle die Zutaten: 1 kg Pilze, 40 bis 50 Gramm Salz, vier bis fünf Stengel Dill, fünf bis sechs Johannisbeerblätter, drei bis vier Knoblauchzehen.
Hinweis: Wer den Pilzen und seinen diesbezüglichen Kenntnissen nicht recht traut, lasse sich an einem Winterabend von russischen Freunden bewirten, um auf den Geschmack zu kommen.
Bogoljubowo - Frauenkloster

Bogoljubowo - Frauenkloster

Nun sind sie also abgeschlossen, die Untersuchungen im Fall Frauenkloster Bogoljubowo. Es kam ja so manches ans Tageslicht, worüber die Nonnen und vor allem ihr geistliches Oberhaupt, Pjotr Kutscher, lieber Marias Schutzmantel gebreitet hätten. Zu beanstanden war vor allem der Umstand, daß die Zöglinge im Heim keine gültigen Ausweise hatten und nicht eindeutig geklärt werden konnte, wohin die staatlichen Zuschüsse für die zum Teil verwaisten Kinder fließen. Auf Landesebene wird deshalb – wie in der Kategorie „Religion“ berichtet – für alle kirchlichen pädagogischen und sozialen Einrichtungen eine neue Richtlinie ausgearbeitet, die administrative und buchhalterische Mißverständnisse und Mißstände ausräumen soll.

Viel ist nicht übrig geblieben von dem Vorwurf der Freiheitsberaubung und Mißhandlung, den die aus den Klostermauern geflüchtete Walentina Perowa in einem Brief an den Staatspräsidenten und den Patriarchen geäußert hatte. Weder die kirchlichen noch die staatlichen Untersuchungskommissionen fanden konkrete Anhaltspunkte für grobes Fehlverhalten der Nonnen. Auch die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen abgeschlossen und verkündet, es gebe keine ausreichende Beweislage für die Aufnahme eines Verfahrens.

Das mag alles richtig sein, aber mit rechten Dingen geht es in dem Kloster trotzdem nicht zu, und ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt. Das Kloster von Bogoljubowo versteht sich als Gottesstaat, der sich den Gesetzen der Russischen Föderation glaubt, ebensowenig unterordnen zu sollen, wie den kirchenrechtlichen Vorgaben des Erzbistums Wladimir. Verschwörungstheorien wuchern in den Zellen wie geistiges Unkraut, und Demokratie gilt als Teufelswerk. Kein guter Umgang für Minderjährige, die einmal gute Staatsbürger werden sollen. Als Dmitrij Medwedjew am 3. und 4. November zum Tag der Einheit des Volkes Susdal besuchte, ließ er sich auch ein kirchliches Internat zeigen, nahm in einem Klassenzimmer Platz, sprach mit den Schülern. Bogoljubowo ließ er links liegen. Recht so!

Einheit ohne das Volk

Kapelle historisch Dmitrj Poscharskij

Historische Grabkapelle für Dmitrij Poscharskij in Susdal

In den 30er Jahren abgerissen, ist sie nun auferstanden aus Ruinen, die Grabkapelle von Fürst Dmitrij Poscharskij, dem Volkshelden, der in Susdal, dort, wo die Güter seiner Familie lagen, 1642, „beweint von Zar Michail“, beigesetzt worden war. 1885 hatte man das Gotteshaus, finanziert aus Spenden der Bevölkerung, auf dem Gelände des Verklärungsklosters für den Befreier Rußlands von der polnischen Herrschaft (1613) errichtet. Ein halbes Jahrhundert später machten die Sowjets den Ort der inneren Einkehr zum Gefängnis und rissen die Kapelle ein. Übrig von ihr geblieben sind nur Erinnerungen, Beschreibungen und Photographien.

Anhand dieser Abbildungen entstand nun innerhalb eines Jahres und auf Initiative von Präsident Dmitrij Medwedjew eine originalgetreue Kopie des Bauwerks mit nur kleinen Abweichungen: Statt italienischem Marmor verwendete man nun Material aus Steinbrüchen im Ural, und der Standort wurde ein wenig verlegt, um die Kapelle aus dem Schatten der Hauptkirche des Klosters zu holen. Die Grabstätte Dmitrij Poscharskijs, der kurz vor seinem Tod Mönch geworden war, ließ man unangetastet.

Kapelle Dmitrij Poscharskij

Innenansicht Neubau Kapelle

Nun also am 4. November, dem Tag der Einheit des Volkes, die feierliche Eröffnung des Neubaus, freilich mit mindestens zwei Schönheitsfehlern. Zum einen war das Volk, um dessen Einheit (mit sich oder den Machthabern?) es doch gehen sollte, von der Zeremonie ausgeschlossen. Nur ein enger Kreis von Geistlichen um Erzbischof Jewlogij herum und von hochrangigen Lokalpolitikern war geladen. Die Volksvertreter, einig in ihrer Exklusivität, blieben also unter sich. Zum andern wollte das Vorhaben nicht so recht gelingen, den Bau - wie im 19. Jahrhundert - ganz aus Spenden der Gläubigen zu finanzieren. Nun fragt man sich, wer den unbekannten Fehlbetrag auf die gut 50 Mio. Rubel – deutlich über 1 Mio. Euro – wohl ausgeglichen hat. Am ehesten wohl der Steuerzahler und damit doch auch wieder das Volk, also Gläubige und Ungläubige unfreiwillig vereint.

Präsident Dmitrij Medwedjew war bereits vor zwei Jahren einmal in Susdal, damals noch als stellvertretender Ministerpäsident. Dieses Mal kam er am Vorabend des Feiertages in die Museumsstadt, besuchte ein kirchliches Internat und gab sich am andern Morgen die Ehre bei der Einweihung der Kapelle. Eine halbe Stunde später trat er mit seinem Troß schon wieder die Rückreise nach Moskau an. Genug freilich, um Susdal wieder einmal an einem Feiertag landesweite Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Aber auch genug für eine Demontration der Einheit des Volkes?

Ein Nachtrag für Kunstinteressierte. Hand angelegt an die Kapelle hat u.a. der Staatskünstler Surab Zereteli, der in Moskau, regiert von seinem Freund Jurij Luschkow, wie am Fließband überdimensionierte Skulpturen produziert und heftige Kontroversen unter Intellektuellen provoziert. Aus der Hand des Georgiers, den Wladimir Putin für die großen Verdienste um das Land zum russischen Staatsbürger gemacht und Jurij Luschkow den „Michelangelo Rußlands“ genannt hat, stammt das Tor zur Kapelle. Nun hat Surab Zereteli zumindest einen Fuß in der Tür zu den Wladimirer Landen und Staatsaufträgen. Nur gebe Gott und der gute Geschmack, daß die Tür nicht noch weiter aufgeht für diesen Kommersanten der Kunst,.

Wladimir tanzt weiter

Recht hatte Tatjana Parilowa, das zweite Photo der Tanzgruppe zeigt schon viel mehr Lust am Leben. Aber es ist ja auch schön, wenn sich die Qualität der Blog-Einträge mit der des Bildmaterials steigert.  Wer nicht weiß, wovon die Rede ist, blättere zum 3. November zurück oder pendle gleich zwischen beiden Einträgen hin und her im Wiegeschritt einer Samba. Aber wie soll man Tanz in Worte fassen? Die Begeisterung zeigt sich viel überzeugender in den Bildern des Wladimirer Staatlichen Lokalfernsehens unter  http://www.vladtv.ru/video.php?v=up/video/05_11/Dancing.asf, auch wenn man den Text vielleicht nicht ganz versteht.

Tanzseminar Stefanie Ferreira

Tanzseminar Stefanie Ferreira

Stefanie Ferreira, das kann man auch heraushören, wenn man des Russischen nicht mächtig ist, will in jedem Fall bald wieder nach Wladimir kommen:

In Deutschland schauen die Frauen in meinen Kursen immer erst einmal lange zu, bevor sie mitmachen. Hier ist das ganz anders. Die Gruppe war vom ersten Moment an voll bei der Sache und hat sich mitreißen lassen. In Deutschland muß ich viel Energie an die Gruppe abgeben, hier bekomme ich selbst Energie von der Gruppe.  Großartig!

 Das bedarf keines weiteren Kommentars.

Dutzende von Wissenschaftlern aus Rußland, anderen GUS-Staaten und den USA sowie um die einhundert Vorträge und Referate machten dieser Tage die Wladimirer Staatliche Universität zur Bühne einer Konferenz unter dem etwas sperrigen Titel „Parallele Hochleistungsberechnungen auf Grundlage von Cluster-Systemen“. Wladimir gehört zu den (noch) wenigen Standorten in der russischen Hochschullandschaft, wo es sogenannte Supercomputer gibt, groß genug, um mühelos eine ganze Wohnung in Beschlag zu nehmen.

Die Aufgaben werden immer komplexer, die Vorgänge sollen immer schneller ablaufen, die Prognosen wünscht man sich immer präziser. Ob es um Klimadaten oder Flugbahnberechnungen geht, ohne Supercomputer geht nichts mehr. An der Wladimirer Universität tut so ein Trum seinen Dienst, sprich fünf Trillionen Operationen pro Sekunde laufen parallel ab. Er hört auf den Namen „Monomach“, ist der einzige seiner Art in der Region Wladimir und hat deshalb auch seinen Wert: fast eine Million Euro. Dafür schafft er Berechnungen in zwei Wochen, für die man ohne ihn zwei Monate brauchen würde.

Doch zum Abheben taugt er nicht. Nicht einmal im Landesvergleich. Eben erst wurde an der Moskauer Staatlichen Universität ein großer Bruder des „Monomach“ installiert, der ihn bei Geschwindigkeit und Leistung fast um das Hundertfache übertrifft. Und im Weltmaßstab? Die russischen Wissenschaftler räumen ein, daß es zwar hehre Absichtserklärungen seitens der Politik und sogar erste Erfolge gebe - so seien zwei große Forschungszentren in Planung -, man aber gegenüber den Kollegen im Westen ins Hintertreffen geraten sei. Jetzt gilt es, keine Zeit mehr zu verlieren, denn die Computertechnologien entwickeln sich manchmal noch schneller, als ein Supercomputer rechnen kann. Der Wettlauf der Superhirne ist in vollem Gange. Noch ist Rußland im Rennen, aber wenn es zu spät kommt, wird die Strafe auf dem Fuße folgen. Der Blog drückt jedenfalls die Daumen für einen gelungenen Zwischenspurt!

Bereits gestern ist Präsident Dmitrij Medwedjew in Susdal eingetroffen, um heute an den Feierlichkeiten zur Eröffnung der restaurierten Grabstätte von Dmitrij Poscharskij teilzunehmen. Das gibt Gelegenheit, etwas zum heutigen Feiertag, dem Tag der Einheit des Volkes, zu sagen, den ja – wie hier vorgestern zu lesen war – die Partei „Einiges Rußland“ für sich reklamiert hat.

Minin-und-Poscharskij-Denkmal

Denkmal für Minin und Poscharskij auf dem Roten Platz

Der Feiertag am 4. November wurde 2005 eingeführt, gewissermaßen als Ersatz für den verblichenen Tag der Oktoberrevolution vom 7. November. Im Bewußtsein der Bevölkerung ist das neue Fest freilich noch nicht recht angekommen. Bis 1990 beging man ja mit Paraden und Umzügen den Sturm auf das Winterpalais im damaligen Petrograd, dem späteren Leningrad bzw. St. Petersburg. 1991 brach die Politik mit dieser Mythologisierung eines Staatsstreichs mit der darauf folgenden siebzigjährigen Diktatur und widmete den 7. November zum Tag der Eintracht und Versöhnung um. Der neue Titel eines alten Datums wirkte immer etwas aufgesetzt, und so wurde der 7. November mehr als freier Tag, denn als Feiertag wahrgenommen, bis auch er 2004 aus dem Kalender verschwand.

Was feiert man aber nun eigentlich seit fünf Jahren am heutigen Tag in Rußland? Viele Russen sollen es ja selbst noch nicht wissen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte notwendig.

Boris Godunow
Boris Godunow

Die Zeit der Wirren markiert zwischen 1598 und 1613 das Ende der Rjurikiden und den Aufstieg der Romanows. Als Iwan der Schreckliche 1584 starb, hinterließ er als Thronfolger seinen Sohn Fjodor I, der, geistig zurückgeblieben, pro forma bis zu seinem Tod 1598 regierte, die Amtsgeschäfte aber seinem Schwager, Boris Godunow, überließ. Als der sich selbst zum Zaren krönte, kam es unter den Bojaren, den mächtigen Adligen, zu Unruhen, zumal dem neuen Herrscher vorgeworfen wurde, er habe den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen, Dmitrij Iwanowitsch, der in der Thronfolge an nächster Stelle gestanden hatte, ermorden lassen. Schon 1605 starb auch Boris Godunow (eines natürlichen Todes!). Hatte man sich ihm noch gebeugt, so verfügte sein sechzehnjähriger Sohn Fjodor trotz bester Ausbildung und Eignung nicht mehr über die Macht, seinem Vater nachzufolgen. Er hielt sich von April bis Juni auf dem Thron, wurde aber nicht zum Zaren gekrönt, sondern auf Verlangen des Pseudo-Demetrius zusammen mit seiner Mutter im Kreml erwürgt. Der neue Herrscher vergewaltigte Fjodors Schwester Xenia und schickte sie ins Kloster, wo sie erst Jahre später als Nonne verstarb. Es beginnt eine grausige Periode in der Geschichte Rußlands, die heute nur kursorisch dargestellt werden soll. Der Pseudo-Demetrius behauptete, der Sohn Iwans des Schrecklichen zu sein und riß die Herrschaft an sich. Doch schon 1606 wurde auch er ermordet. Zwei weitere selbsternannte Söhne, Pseudo-Demetrius II und III, folgten und erlitten das gleiche Schicksal. Diese inneren Machtkämpfe wurden von Polen angeheizt und begünstigt, bis 1610 König Sigismund III Moskau einnahm. Nun, aller legitimen Herrscher beraubt und der Willkür der Besatzer ausgeliefert, schlug in Rußland die Stunde von Kusma Minin und Dmitrij Poscharskij, die 1612 ein Freiwilligenheer gegen Moskau führten und am 4. November 1612 der polnischen Fremdherrschaft ein Ende setzten. Damit war der Weg frei für eine neue Dynastie. Schon im Januar 1613 einigte sich die Stände- und Adelsversammlung in Moskau auf Michail Romanow als neuen Zaren, dessen Haus bis zur Abdankung von Nikolaus II 1917 über Rußland herrschen sollte. 

Vielleicht sind die beiden Volkshelden ja tatsächlich die Identifikationsfiguren, auf die sich über alle ideologischen und geschichtlichen Gräben hinweg die russische Gesellschaft einigen kann. Zu wünschen wäre es, denn Rußland ist noch immer auf der Suche nach der inneren Einheit und hat auch damit viel mit Deutschland gemein.

Dmitrij Poscharskij, dessen Güter in der Nähe von Wladimir lagen, ist in Susdal beigesetzt. Seine Grabstätte wurde aufwendig vom Staat, aber auch aus privaten Spenden, restauriert und soll heute im Beisein des Staatspräsidenten eröffnet werden. Da gibt es im Blog bestimmt noch etwas nachzureichen.

Bis dahin aber ein Tip: Der russische Nationaldichter Alexander Puschkin hat über die  Zeit der Wirren das Drama „Boris Godunow“ geschrieben, von Modest Mussorgskij zu einer genialen Oper gleichen Namens umgearbeitet. Und wo wir noch im Schiller-Jahr sind: Auch der geschichtsinteressierte deutsche Klassiker hat sich dem Thema Pseudo-Demetrius gewidmet. Lesens- und hörenswert!

Tanzseminar

2. v.l. stehend Tatjana Parilowa, blau-weiß Mitte Stefanie Ferreira

Wenn Tatjana Parilowa in Erlangen ist, entsteht immer spontan etwas ebenso Unerwartetes wie Erfreuliches. Schon vor einem Jahr hatte sie während einer Hospitation die Idee, mit Erlanger Dozentinnen ein Bauchtanzseminar in Wladimir anzubieten. Das Interesse daran sei dort riesig, und es fehle noch an ausgebildeten Lehrerinnen. Da wäre so eine Veranstaltung genau das Richtige. Wie das aber so ist bei guten Ideen: Sie müssen reifen  – und entwickeln ihre Eigendynamik. So auch hier. Das ursprünglich für die Veranstaltung vorgesehene Trio reduzierte sich auf ein Duo, schließlich auf ein Solo, später kam noch ein Musiker hinzu, der dann kurz bevor es ernst wurde wieder absprang, und übrig geblieben ist schlußendlich Stefanie Ferreira aus Adelsdorf. Daß sich auch noch die Termine verändert haben, sei nur nebenbei bemerkt. Wichtiger ist, daß man den Bauchtanz auf die Füße gestellt hat, sprich nicht mehr das Kreisen der Hüften zu orientalischen Klängen sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der Einsatz des ganzen Körpers im Rhythmus brasilianischer und afrikanischer Tänze.

Just diese nämlich hatte Stefanie Ferreira während ihrer Ausbildung zur Gymnastiklehrerin in Stuttgart entdeckt und ließ sich von deren Dynamik und Energie faszinieren. Mittlerweile war sie auch mehrmals in Salvador da Bahia, um „tiefer in den brasilianischen Tanz einzutauchen“. Die vielseitige Dozentin hält Gesundheitskurse, hat eine Praxis für Physiotherapie mit angeschlossener orthopädischer Praxis und machte Fortbildungen in den Bereichen Feldkrais, Yoga, Wirbelsäulen Oi-Gong…. und zuletzt auch Pilates.

Stefanie Ferreira

Stefanie Ferreira

Die Musiklehrerin Tatjana Parilowa muß gespürt haben, daß Stefanie Ferreira die Richtige ist, um in Wladimir neue Tanzformen vorzustellen. Beharrlich bereitete sie in der Partnerstadt alles vor. Ohne Unterstützung seitens offizieller Stellen warb sie Kursteilnehmerinnen, mietete den Saal, sorgte für Transfers, Unterbringung, Verpflegung. Geholfen haben ihr nur Freunde und Tanzbegeisterte wie Wadim und Natalia Barinow. Doch ihr Gespür hat sie nicht getrogen, ihre Mühen sind nicht vergebens. Dafür spricht ein Zitat aus einem Brief von Stefanie Ferreira:  

Der Workshop hat vorgestern toll angefangen. es waren über 20 Leute da. Wir haben am Schluß eine Feedback-Runde gemacht, und es gab sehr viel Lob, aber auch viele Fragen, da vor allem der afrikanische Tanz hier noch absolutes Neuland ist. Die Energie war sehr gut und die Teilnehmerinnen konnten ganz neue körperliche Erfahrungen machen. Auch gestern war es sehr gut, und der Ruf nach Fortsetzung ist schon da!!! Sie möchten einen Brief an das Rathaus von Erlangen und Wladimr schreiben, damit wir die Veranstaltung wiederholen können.

Erlangen wird sicher seinen Part gerne leisten, nachdem schon jetzt das Kulturamt dankenswerterweise das Seminar großzügig unterstützt hat, um diese Premiere möglich zu machen: den Export von afrikanischen und brasilianischen Tanztraditionen in fränkischer Anverwandlung ins russische Wladimir. Unergründlich und verschlungen sind sie eben oft, die Wege des Kulturaustausches.Das Gruppenphoto, so die Bitte von Tatjana Parilowa, solle nicht veröffentlicht werden, es sei nicht gut, zeige alle Teilnehmerinnen erschöpft und müde… So viel unangebrachte Bescheidenheit wird gnadenlos bestraft, solange kein besseres Bild vorliegt.  Weitere Informationen zu Stefanie Ferreira unter: www.s128053692.online.de/groove/steffi.phtml

Ende Oktober und Anfang November drängeln sich im russischen Kalender regelrecht die Gedenktage. Am 4. November werden Kusma Minin und Dmitrij Poscharskij geehrte, die in der Zeit der Wirren nach dem Tod von Iwan dem Schrecklichen einen Volksaufstand angeführt und Moskau von den Polen und Litauern befreit haben. In Susdal hat man zu dem Datum große Pläne geschiedet, die im Blog noch rechtzeitig vorgestellt werden sollen. Doch uns ist die Partei „Einiges Rußland“ zuvorgekommen, was nicht weiter verwundert, spielt sie doch ohnehin mit dem eigenen Volk Hase und Igel. Wundern darf man sich allerdings über die Chuzpe, mit der die Einheitspartei vorgeht. Ein Lehrstück in moderner russischer Parteigeschichte:

Nach Umfragen weiß nicht einmal die Hälfte der Russen, welchen Feiertag sie am 4. November überhaupt begehen. Dies nahmen die Wladimirer Kader der Kremlpartei zum Anlaß, zwei Dinge zu erklären: Erstens – was gefeiert wird, und zweitens – dank wem. Dabei schien weniger wichtig, daß die Kinder, denen man das Einmaleins der Geschichte beibringen wollte, noch lange nicht zur Wahlurne gehen werden. Wichtig schien vielmehr, sie wissen zu lassen, wen man zu wählen hat. Dabei entwickelten die Politiker ein frapierendes Maß an Kreativität. Man lese und staune.

Man hatte die Kinder unmittelbar von der Schulbank weg in den Kulturpalast gebracht, ohne ihnen oder den Eltern den Grund zu erklären. Eines von ihnen klagte sogar: „Schade, daß Deutsch ausfällt, aber im Kulturpalast wird es wohl interessanter sein.“

„Im Land brach eine dynastische Krise aus, Rußland hatte keinen Herrscher mehr“, begann mit viel Pathos im Stil einer Heldenlegende die Geschichtsstunde. Entsprechend seicht und schlicht die weitere Darstellung der schwierigen Lage, wie sie vor vier Jahrhunderten in Moskau herrschte. Für die Aufständischen sind alle tapferen, mannhaften und rechtgläubigen Russen, gegen sie unsere Feinde: „Der ganze Abschaum, das ganze Gesindel, alle Verräter scharten sich damals um den Pseudo-Demetrius. Dessen schimpfliches Heer wuchs an unter der Ägide des falschen Glaubens…“ 

Pseudo-Demetrius

Pseudo-Demetrius

Kurz und schlecht, alle Russen, die auf Seiten des Pseudo-Demetrius und der Polen kämpften waren nur der Auswurf des Volkes, gehörten gar nicht zu dem Volk, dessen Einheit am 4. November ja eigentlich gefeiert werden soll. Bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und vereinfacht stellt sich diese hochkomplizierte Periode in der russischen Geschichte dar, wenn sie von der Partei „Einiges Rußland“ präsentiert wird. Nach kaum einer halben Stunde fällt der Vorhang, und die folkloristischen Hemden machen dem feschen Anzug eines Conférenciers Platz, der eine ebenso simple Darstellung der politischen Gegenwart parat hat: 

„Die Partei Einiges Rußland ist es, die jetzt an der Spitze des Landes steht, und die Partei Einiges Rußland ist es, die für die Gegenwart und Zukunft des Landes verantwortlich ist.“ Der Vorsitzende der Wladimirer „Jungen Garde“, der rußlandweiten Jugendorganisation von Einiges Rußland, Alexander Zyganskij, sitzt in der Regionalduma und erklärt die Welt auf seine Weise, aus Sicht der allwissenden Partei: „Seit dem 17. Jahrhundert beging man in ganz Rußland den Tag der Einheit des Volkes. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Fest mit dem Aufkommen der Bolschewiken vergessen, es traten neue Führer auf, neue Feiertage wurden eingeführt. Die Partei Einiges Rußland hat nach 70 Jahren beschlossen, die historische Gerechtigkeit wiederherzustellen.“

Nach der „Lehrstunde“ schüttelten die Lehrer den Kopf. Der erste Teil der Veranstaltung sei ja noch einigermaßen in Ordnung gewesen, die Kinder hätten gewußt, wovon die Rede war, aber was der zweite, der politische Teil sollte, konnte und wollte man sich nicht erklären. „Im Publikum saßen ja vor allem Kinder der unteren Klassen. Da hat der zweite Teil niemanden vom Sessel gerissen…“

Doch damit nicht genug: Diese Art von Geschichtsunterricht und Parteiwerbung kann auch noch einträglich sein. Die Schüler hatten nämlich pro Nase 40 Rubel, immerhin fast einen Euro, für das Spektakel zu zahlen. Das muß man erst einmal nachmachen. Die herrschende Partei in einem Land nimmt sich nicht nur die Macht, sondern läßt sich auch noch dafür bezahlen, daß sie ihre Ideologie unters Volk – und sei es auch nur das Jungvolk – bringt. So perfide sind ja nicht einmal die Kommunisten vorgegangen. Oder ist man vielleicht doch nach der Devise verfahren: Von den Kommunisten lernen, heißt herrschen lernen? Jetzt können die Kommunisten von uns kassieren lernen.

Das Motto der Veranstaltung lieferte übrigens unfreiwillig Wladimir Majakowskij, ein ehemaliger Propagandist des Kommunismus, der später am Terror des sozialistischen Alltags zerbrach: „Mit blauen Augen blickt das Morgen-Rußland in den Himmel“. Das Geheimnis der Organisatoren bleibt es, warum die Millionen Russen mit brauen, grünen oder schwarzen Augen – von den Albinos ganz zu schweigen – an der Zukunft ihres Landes nicht teilhaben sollten. Und das am Vorabend des „Festes der Einheit des Volkes“. Dann gute Nacht, Rußland.

Man kann nur hoffen, daß Dmitrij Medwedjew als Präsident aller Bürger Rußlands – gleich welcher Augenfarbe – zum 4. November ähnlich klare und kluge Worte findet, wie er das zum 30. Oktober getan hat. Andernfalls regiert er bald über ein gespaltenes Land, denn es gibt schon wieder viel zu viele Politiker, die nach der Devise vorgehen: divide et impera. Oder haben die gar schon gesiegt? Denn sind es nicht immer die Sieger, die die Geschichte (um-)schreiben?

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