
Fairy von Lilienfeld in Wladimir
„Wenn es so weit ist, zwitschern es schon die Kirchenschwalben weiter“, sagte sie mit einem Lächeln auf dem Sterbebett. Am Donnerstag ist Fairy von Lilienfeld im Alter von 92 Jahren verstorben. Heute wird sie in Hemhofen beigesetzt. Mit ihr geht nicht nur ein großer Mensch, eine herausragende Wissenschaftlerin, eine ebenso gütige wie kundige Vermittlerin zwischen der West- und der Ostkirche, eine aufrechte Frau im Talar, eine geisterfüllte Künderin des Wortes Gottes. Mit ihr geht auch eine Gründungsmutter der Städtepartnerschaft mit Wladimir. Als auf Erlangens Ansuchen nach einer Partnerstadt in der Sowjetunion Anfang der 80er Jahre aus Moskau der Vorschlag Wladimir kam, konnte man damit im Rathaus nicht eben viel anfangen. Doch man hatte ja wissenschaftlichen Sachverstand vor Ort. 1966 hatte Fairy von Lilienfeld einen Ruf der Friedrich-Alexander Universität erhalten und die Friedrich-Schiller Universität Jena verlassen, um in Erlangen als erste Theologieprofessorin Westdeutschlands den Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens aufzubauen und bis zu ihrer Emeritierung 1984 zu leiten. Hochangesehen in der russischen Orthodoxie und Ehrenmitglied der Moskauer Geistlichen Akademie, war es Fairy von Lilienfeld, die Dietmar Hahlweg, dem damaligen Oberbürgermeister und Initiator der Städtepartnerschaft Mut machte: „Wladimir ist nicht nur die historische Hauptstadt Rußlands. Hier ist bis heute ein Zentrum der Spiritualität, der Kultur, des russischen Wesens. Erlangen kann stolz sein, mit einer so schönen Stadt eine Partnerschaft eingehen zu dürfen.“ Und Rudolf Schwarzenbach, nach wie vor der gute Geist der Verbindung zu Wladimir, erinnert sich dankbar: „Fairy von Lilienfeld hat uns damals bei der Entscheidung für Wladimir viel geholfen.“
Sie hat freilich nie viel Aufhebens um ihre wichtige Rolle zu Beginn der Partnerschaft 1983 gemacht, aber sie verfolgte die weitere Entwicklung der Jumelage über ein Vierteljahrhundert hin mit großer Sympathie und viel Aufmerksamkeit. Im Oktober vergangenen Jahres ließ sie es sich – schon im Rollstuhl – nicht nehmen, am Festakt zum 25jährigen Jubiläum teilzunehmen und mitzuerleben, wie nun auch Jena, von wo aus sie nach Erlangen gekommen war, in die Partnerschaft mit Wladimir einbezogen wurde. Ein Moment der besonderen Freude, wie sie bekannte. Gefreut hat sie sich auch über die immer enger werdenden Kontakte der Theologen der Partnerstädte, die sich schon im Februar 2010 wieder am Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaft zu einem Symposium treffen werden. Und ganz in ihrem Sinne führt heute mit viel Feingespür für Nuancen Hacik Rafi Gazer die Verständigungsarbeit zwischen West und Ost auf ihrem einstigen Lehrstuhl fort.
Wir wollen aber eine Freundin aus Wladimir zu Wort kommen lassen, Alissa Axjonowa, die Gründerin und Leiterin des Landesmuseums Wladimir-Susdal:
„Meiner Arbeit entsprechend habe ich sehr viele Begegnungen, häufig mit bemerkenswerten Menschen. Doch einige dieser Begegnungen hinterlassen einen lichten Fleck, gut und unvergeßlich, wie es die Begegnungen mit Fairy von Lilienfeld waren.

Fairy von Lilienfeld und Alissa Axjonowa
Juni 1988. Beginn der Perestrojka. Es passieren Dinge, die man sich noch vor einigen Jahren nicht hätte träumen lassen: Das tausendjährige Jubiläum der Taufe Rußlands wird landesweit gefeiert. Wladimir und Susdal gehören zu den Hauptzentren, die auf dem Besuchsprogramm einer großen offiziellen internationalen Delegation stehen, geleitet vom Oberhaupt der Georgischen Kirche, Elias II. Der Delegation gehörte eine ältere, grauhaarige Dame mit einem gütigen Gesicht und wunderschönen blauen Augen an, die sich im reinsten, akzentfreien Russisch an mich wandte und sich als Theologieprofessorin und Bürgerin der Partnerstadt Erlangen vorstellte. Es entspann sich ein ungezwungenes und freundliches Gespräch, in dessen Verlauf ich von Fairys Vater, von ihrer Kindheit in Rußland (besser in Aserbajdschan, in Baku) und vieles mehr an Interessantem aus ihrem Leben erfuhr, dem Leben einer Wissenschaftlerin, einer Universitätsdozentin, der die Welt nicht fremd war. Mit nicht weniger Interesse befragte sie mich zu meiner Arbeit und meinem Leben, untrennbar verbunden mit der Wiedergeburt und Bewahrung der Architekturdenkmäler und den wechselseitigen Beziehungen zur wiedererstarkenden Kirche.
Fairy kam zwei weitere Male mit Delegationen aus Erlangen nach Wladimir. Jetzt begegneten einander schon gute Bekannte. Gerührt war ich von ihren Geschenken: keine Souvenirs, sondern praktische und zugleich schöne Dinge. Sie kannte unsere Alltagsnöte jener Jahre.

Fairy von Lilienfeld im Gespräch mit Alissa Axjonowa
1987 besuchte ich anläßlich der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags Erlangen zum ersten Mal. Gemeinsam mit Fairy nahm ich an einem großartigen Ausflug mit einer Museumsbahn in die Fränkische Schweiz teil. An jeder Haltestelle erwartete uns eine neue gelungene Überraschung mit Bewirtung, Tanz und Musik. Wie sehr sich doch Fairy über die fränkischen Weisen freute! Wie klug sie mir doch die Bräuche Frankens erläuterte!
1995 brachte ich die Ausstellung „Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft“ über die Lager in der Region Wladimir nach Erlangen. Ich hatte so gehofft, Fairy wiederzusehen. Ich fand ihr Haus in Hemhofen, doch ihre Nachbarn, die Fairy respektvoll „unsere Dame“ nannten, gaben mir leider die Auskunft, sie sei verreist. So sind mir nur Photos von ihren Besuchen in unserer Stadt als Erinnerung an diese bemerkenswerte Frau geblieben.“
Es bleibt aber auch eine traurigstimmende Nachbemerkung. Dieser Tage mehren sich die Zeichen aus dem Moskauer Patriarchat in Richtung Abbruch der nun schon fünfzigjährigen Beziehungen zur EKD. Kein geringerer als Erzbischof Ilarion, außenpolitischer Sprecher des Patriarchen, stellt die Frage, wie das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche denn bitteschön Margot Käßmann, der neuen Vorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands protokollarisch begegnen solle: „Wie soll der Patriarch sie ansprechen, und wie kann er sich mit ihr treffen?“ In der Orthodoxie ist die Ordinierung von Frauen undenkbar. Bisher hatte man weibliche Bischöfe bei den Protestanten stillschweigend hingenommen. Doch eine Frau an der Spitze der Kirche? Das ist des Schlechten zu viel.
Fairy von Lilienfeld half vor 50 Jahren maßgeblich, den Dialog aufzunehmen. Zeitgleich mit ihrem Tod droht er nun zu verstummen. Welch eine Tragik, welch ein Verlust für die Ökumene! 1989 gab Dietrich Goldschmidt den Sammelband „Frieden mit der Sowjetunion – eine unerledigte Aufgabe“ heraus. Darin der Beitrag „Versöhnung aus der Sicht der Kirchen in der Sowjetunion“ der Autorin Fairy von Lilienfeld. Die Sowjetunion ist Geschichte, Rußland ist heute Freund und Partner. Aber offenbar sind Frieden und Versöhnung mit der Ostkirche noch immer eine unerledigte Aufgabe.