10. Februar 2010 von wladimirpeter
Der Eindruck trügt wohl nicht, daß auch in Rußland – wie überall auf der Welt – die großen Konzerne bestimmen, welche Musik wo und wann für wen gespielt wird, gleich ob die einem gefällt oder nicht. Dabei schaffen sie, nur die eigenen Interessen im Blick - mal mit, mal ohne Unterstützung der Politik - Tatsachen, deren Auswirkungen auf das Gemeinwohl unabsehbar sind. Das gilt für Banken, das gilt für Medienkonzerne, das gilt für die Atomwirtschaft.
Die scheint nun in der Region Wladimir für vollendete Tatsachen gesorgt zu haben. Anders ist kaum zu erklären, daß sich gestern Nikolaj Satajew, Minister für Industrie und Innovationen der Region Nischnij Nowgorod, begleitet von einer Unternehmerdelegation aus seinem Gouvernement, gestern in Wladimir mit Vertretern von etwa einem Dutzend Zulieferfirmen getroffen hat. Ziel der Zusammenkunft war es, eine enge Kooperation mit den Unternehmen aus dem Raum Wladimir beim Bau des Kernkraftwerks einzugehen, das gerade einmal 30 km von Murom, an der Südgrenze des Gouvernements, geplant ist.

Nikolaj Satajew
Die Baugenehmigung für das AKW wird zwar erst für den März erwartet, aber die scheint nur noch eine Formsache zu sein. Dabei hat sich in der Region Wladimir ein bis dato nicht gekannter Widerstand gegen das Projekt der Nachbarn formiert. Eine Bürgerinitiative macht mobil, und sogar die Politik sagt auf allen Ebenen des Gouvernements Wladimir unisono ”njet” zu den beiden Reaktoren, die, wenn es nach den Plänen von Rosatom, dem staatlichen Atomkonzern geht, schon 2017 in dem Dorf Monakowo ans Netz gehen sollen. Auch Fachleute hatten sich gegen den Standort ausgesprochen. Demgegenüber macht der hohe Gast aus Nischnij Nowgorod eine intellektuell eher schlichte Rechnung auf: “Wer heute satt, reich und arriviert ist, braucht keine Atomkraft. Wir sollten aber den gesunden Menschenverstand einsetzen. Wenn man hier in Wladimir keine Arbeit hat, werden die Kinder hungern, werden es kalt haben. Und was kommt dann? Dann kriegen wir Kriminalität.” Vor der freilich fürchten sich die Russen mehr als vor Unfällen in AKWs, obwohl im vergangenen Jahr die Verbrechensrate in der Region Wladimir deutlich gefallen ist, – ganz ohne den verheißenen Segen der Nuklearwirtschaft.
Der Minister spricht von der strahlenden Zukunft der Region offenbar ebenso grobklötzig wie er denkt. Seiner Meinung nach werde sich der Widerstand der Panikmacher bald von selbst auflösen, und überhaupt seien die Gegner des Projekts nichts als Fortschrittsverhinderer, die ihr Wasser statt in einer Flasche lieber in einer Ochsenblase mit sich herumtrügen. Und auf die Frage, warum ausgerechnet der umstrittene Standort Monakino gewählt wurde, blafft er zurück, weil der Bau dort am billigsten komme. Auf zwei Milliarden Dollar wird das Investitionsvolumen veranschlagt, und schon laufen die Ausschreibungen, an denen sich übrigens nicht nur Wladimirer Zulieferer beteiligen, sondern auch einschlägig bekannte Konzerne aus Deutschland, Schweden und Finnland. Den Zuschlag für die Projektierung hat schon einmal ein japanisches Konsortium erhalten, das zusagt, gemeinsam mit dem russischen Partner die Anlage eineinhalb Mal schneller zu übergeben, als ursprünglich geplant.

Anti-AKW-Demo in Monakowo
Nikolaj Satajew läßt sich übrigens besonders trefflich von Lew Lasarjew sekundieren, dessen Betrieb in Murom die Hoffnung hegt, sich gegen die billigere Konkurrenz aus dem Ausland durchzusetzen und die Lautsprecheranlagen für das Werk beisteuern zu dürfen: “Klar werden die Meiler gebaut. Wir hier sind alle Befürworter. Nicht die Masse darf entscheiden, wo das Werk hinkommt, weil die Masse das nicht begreift, weil sie nicht versteht, was geschieht.” Man wird sehen, ob es sich das Volk gefallen läßt, derart öffentlich für dumm verkauft und verhöhnt zu werden. Nach Dialogbereitschaft jedenfalls klingt diese Bulldozer-Rhetorik nicht. José Ortega y Gasset hat derlei Konstellationen in seinem “Aufstand der Massen” übrigens so beschrieben: “Das allgemeine Stimmrecht gab der Masse nicht das Recht zu entscheiden, sondern die Entscheidung der einen oder anderen Elite gutzuheißen.”
Mehr zum Thema im Blog bei Eingabe des Begriffs “Monakowo” in die Suchmaske oder unter dem Stichwort “Umwelt”.
Veröffentlicht in Umwelt | Verschlagwortet mit Anitatomkraftbewegung Rußland, Antiatomkraft Rußland, Atomkraftwerke Rußland, Aufstand der Massen, José Ortega y Gasset, Lew Lasarjew, Monakowo, Murom, Nikolaj Satajew, Rosatom, Wladimir | Kommentar schreiben »
9. Februar 2010 von wladimirpeter

Jewgenij Arinin
Der interkonfessionelle Dialog zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat, von Zeit zu Zeit auch Thema hier im Blog, kommt nach Jahren des Stillstands wieder voran. Innerhalb der Partnerschaft mit Wladimir war in dem Bereich schon seit Anfang der 90er Jahre eine große Dynamik zu spüren. Die Wladimirer katholische Rosenkranzgemeinde unterhält enge Kontakte zum orthodoxen Erzbistum, Generalvikar Innokentij, in Personalunion Künstler und Geistlicher, zeigte bereits zwei Ausstellungen seiner Arbeiten in Erlangen, das Erzbischöfliche Jugendamt Erlangen pflegt in Person von Rolf Bernard einen engen Austausch mit Wladimirer Heranwachsenden beider Konfessionen, und der Erlanger Förderverein „Nadjeschda“ hat im Herbst 2009 schon die zweite Pilgerreise nach Wladimir unternommen. Besonders eng sind auch seit Jahren die Kontakte der Theologen der Partnerstädte. Der Lehrstuhl für Missions- und Religionswissenschaften hat ein langfristiges Forschungsprojekt zum Thema „Religion im kulturellen Wandel des postsowjetischen Rußlands“ aufgelegt, an dem auch Wissenschaftler aus Moskau, eine Japanerin, die derzeit in Wladimir promoviert, und ein russischer Theologe, der in London lehrt, beteiligt sind. Drehscheibe an der Staatlichen Universität für die Kontakte zur FAU ist schon seit Jahren Jewgenij Arinin, Leiter des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaft und Spezialist für die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche, der auch diesen Besuch maßgeblich vorbereitet hat und begleitet.

Elisabeth Preuß und die Theologendelegation
Gestern empfing Bürgermeisterin Elisabeth Preuß die acht Gäste aus Wladimir und Moskau im Rathaus und ließ sich über die Zusammenarbeit der Wissenschaftler informieren. Deren Tagung, zu der auch Kollegen aus München erwartet werden, dauert vom 8. bis 13. Februar und kreist um die Fragen zu „Religion und Medien in Rußland“. Ziel des Kolloquiums ist es aber nicht nur, den Veränderungen nachzugehen, denen die Religion seit der Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion in der öffentlichen Vermittlung und Wahrnehmung unterworfen ist. Es geht auch darum, zwei Wissenschaftskulturen einander wieder anzunähern, die wegen der politischen Verhältnisse über Jahrzehnte voneinander abgekoppelt waren. Ein Thema, das Elisabeth Preuß aus eigener Anschauung sehr nahe ist, mußte sie doch bei ihrer Verwandtschaft in Jena während der SED-Herrschaft beobachten, wie schwierig es war, sich zum Glauben zu bekennen und welche Probleme es mit sich brachte, nach dem Zusammenbruch der Diktatur die Religiosität für sich neu zu definieren und in der atheistisch geprägten Gesellschaft zu leben. Nicht von ungefähr also stellen sich die russischen Theologen diesen Fragen gerade zusammen mit ihren deutschen Partnern.
Seit zwei Jahren pflegt nun schon der Lehrstuhl von Andreas Nehring den Austausch mit Wladimir, und wenn es nach dem Theologieprofessor und seinem aus St. Petersburg stammenden wissenschaftlichen Mitarbeiter, Wadim Schdanow, geht, soll das noch lange so bleiben: Ad majorem dei gloriam, von dessen Ruhm auch ein wenig Glanz für die Partnerschaft insgesamt abfallen möge.
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8. Februar 2010 von wladimirpeter

Russische Bliny
In Europa gibt es wohl kein Land, in dem nicht in der einen oder anderen Form Pfannkuchen auf den Tisch kämen. Rußland macht da keine Ausnahme, besonders nicht in der Butterwoche, der “Masleniza”, also in den Tagen vor der großen Fastenzeit, die heute beginnen und dem Osterfest vorangehen. Welche bunten Bräuche mit dem russischen Karneval verbunden sind, kann hier im Blog unter dem Eintrag vom 27. Februar 2009 nachgelesen werden. Was dort aber fehlt und heute nachgereicht werden soll, sind Rezepte zum Selberbacken der russischen Bliny, die gleich zu welcher Jahres- und Tageszeit, gleich ob Fest- oder Werktag in einer unglaublichen Vielfalt den Gaumen träumen lassen.

Masleniza
Es gehört übrigens nicht zum slawischen Küchenlatein, wenn man daran erinnert, daß diese Leibspeise der Russen die winterliche Sehnsucht nach der Sonne symbolisiert, rund und goldgelb wie beide sind. Und da jeder Blin für eine Sonne gilt, kann man gar nicht genug davon essen, gerade in diesem düster-trüben fränkischen Winter und so kurz vor der Fastenzeit, die ja auch der westlichen Christenheit unmittelbar bevorsteht. Nun aber zu der Rezept-Troika – und guten Appetit!
Rezept 1 – Russische Bliny nach Hausfrauenart (für vier Personen)
Zutaten: 800 g Weizenmehl, 800 ml warme Milch, 4 Eier, 50 g Butter, 1 Prise Salz, 1 TL Zucker, 20 g Hefe.
Zubereitung: Hefe in 600 ml Milch auflösen und in eine Schüssel mit dem Mehl geben, verrühren und zum Gehen an einen warmen Ort stellen. Die Eier aufschlagen und Dotter von Eiweiß trennen. Die vier Dotter im Rest der Milch mit zerlassener Butter, Salz und Zucker vermischen. Die Mischung dem Teig beigeben, verrühren und nochmals an einem warmen Ort gehen lassen. Das Eiweiß schlagen und unmittelbar vor dem Backen der Bliny in einer gefetteten Pfanne unterheben.
Rezept 2 – Bliny aus Buchweizen (ein altes Rezept)
Zutaten: 2 Gläser Buchweizen, 2 1/2 Gläser warme Milch, 30 g Hefe, Salz.
Zubereitung: Mehl in Milch oder Wasser verrühren und die in Milch aufgelöste Hefe und Salz hinzugeben. Den Teig an einem warmen Ort gehen lassen. Nach zwei bis drei Stunden erst mit dem Backen beginnen. Erst wenn der Teig sich gehoben hat, sorgfältig die Bliny in einer heißen ausgefetteten Pfanne backen, ohne den Teig nochmals umgerührt zu haben.
Rezept 3 – Bliny mit Quark
Zutaten: 1 l Kefir mit mindestens 3% Fettgehalt, 1/2 l Milch, 1,5 Teelöffel Soda, 3 Eßlöffel Zucker, Salz, 2 Eier; für die Füllung: 1 kg Quark (möglichst russischen aus “Irina” in der Wladimirstraße) oder Topfen, 2 Eier, Puderzucker.
Zubereitung: Kefir in eine Schüssel gießen und zusammen mit einem Ei verrühren, Puderzucker, Soda und Salz beigeben und umrühren. Dann Mehl dazu, bis der Teig sämig und dickflüssig wird. Abdecken und über Nacht in den Kühlschrank stellen. Am Morgen Öl in der Pfanne heiß werden lassen und den Teig portionsweise in die Pfanne geben und die Bliny backen. Jeden Pfannkuchen mit einem Stück Butter einfetten und in eine Form geben. In die Mitte der Bliny ein Quarkfüllung geben, rollen und mit Konfitüre oder saurer Sahne (am besten Smetana) reichen. Für die Füllung ist wichtig, den Quark gut mit den Eiern und dem Zucker zu vermischen.
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8. Februar 2010 von wladimirpeter
So könnte man zusammenfassen, wie Lolachon Jermilowa ihre Eindrücke von den Einrichtungen der Barmherzigen Brüder Gremsdorf schildert. Seit dem 19. Januar und noch bis zum 6. März hospitiert sie hier gemeinsam mit Olga Urwanzewa im Rahmen des nun schon seit zehn Jahren laufenden Projekts “Lichtblick”, aus dem das Zentrum für Erlebnis- und Naturpädagogik “Blauer Himmel” entstanden ist.

Olga Urwanzewa und Lolachon Jermilowa
Lolachon Jermilowa stammt aus Tadschikistan und ist Anfang der 90er Jahre mit ihrer Familie in die Wladimirer Region übergesiedelt. Die gelernte Kinderkrankenschwester ließ sich in einem kleinen Ort in der Nähe von Penkino nieder und fand Arbeit im Hospital für Kriegsveteranen, dem heute der “Blaue Himmel” angeschlossen ist. Seit einem Jahr also kann die Mutter eines Sohnes wieder in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten und sich über erste Erfolge freuen: “Wenn die Kinder nach zweiwöchigem Aufenthalt in Penkino in ihre Einrichtungen zurückkommen oder wieder nach Hause können, spürt man, daß sie die Welt anders wahrnehmen, daß sie eine andere Sicht auf sich selbst haben, daß sich viel in ihnen verändert hat.” Viel verändert hat sich übrigens auch in Schwester Lola, wie sie sich gerne nennen läßt. Fast schämt sie sich dafür, vor ihrem Praktikum in Gremsdorf Vorbehalte gegen Behinderte gehabt und nicht geglaubt zu haben, wie erfolgreich man auch erwachsene Menschen mit psychischen und körperlichen Einschränkungen fördern kann. Traurig stimmt sie freilich, daß sie nicht glaubt, in Rußland noch die Eröffnung einer Einrichtung wie in Gremsdorf miterleben zu können. “Bis wir auf diesem Niveau sind, wird es noch sehr lange dauern!” Aber der “Blaue Himmel” ist ja schon einmal ein guter Anfang…
Um nicht ganz sprachlos zu sein, besuchten Lolachon Jermilowa und Olga Urwanzewa, die unweit von Wladimir in einem Heim für verhaltensauffällige Kinder als Psychologin arbeitet, ein gutes Jahr die speziell für das Projekt eingerichteten Deutschkurse. An zwei Abenden in der Woche nach der Arbeit. Das kostet Kraft und Zeit vor allem für Lolachon Jermilowa, die dazu fast vierzig Kilometer (einfach) mit dem Bus fahren muß und ja auch noch eine Familie zu versorgen hat. Da wundert man sich nicht, wenn man hört, daß die beiden anderen Kursteilnehmerinnen aus Penkino nach einiger Zeit abgesprungen sind. Anlaß, einmal zu überlegen, ob man nicht im “Blauen Himmel” einen eigenen Deutschkurs anbietet, um dort die Basis für Hospitationen zu verbreitern.

Günther Allinger, Olga Urwanzewa, Lolachon Jermilowa
Günther Allinger, Gesamtleiter der Einrichtungen und Vorsitzender der Stiftung “Lichtblick”, findet rasch Zugang zu den beiden Praktikantinnen, auch wenn die hörbar noch um deutsche Worte ringen und immer wieder dankbar darauf verweisen, wie hilfreich ihnen Sybille Menzel im Arbeitsalltag als Dolmetscherin zur Seite steht. Und ebenso rasch findet er heraus, wer den Besucherinnen den Anstoß für die Teilnahme am Projekt gegeben hat. Olga Urwanzewa hat erst vor kurzem ihr Studium bei Irina Arschanych abgeschlossen, der Psychologiedozentin, die im vergangenen Sommer (s. Eintrag vom 27. Juli 2009 u.a.) zum wiederholten Male in Gremsdorf war und beim BRK Erlangen-Höchstadt eine Photoausstellung zeigte. Lolachon Jermilowa arbeitet eng mit Natalia Tarakanowa zusammen, die, von Beginn an dem Projekt eng verbunden, heute als erlebnispädagogische Stütze des “Blauen Himmels” gelten kann und Ende des Monats an der “Winterakademie” der Organisation ”Erlebnistage” teilnimmt. So wächst also das Projekt aus sich selbst heraus, so soll es sein, so kann Günther Allinger ohne Sorgen in die Zukunft der buchstäblich heilsamen Zusammenarbeit mit Wladimir blicken.
Veröffentlicht in Projekt "Blauer Himmel" | Verschlagwortet mit Barmherzige Brüder Gremsdorf, Blauer Himmel, Erlebnistage, Günther Allinger, Irina Arschanych, Lolachon Jermilowa, Natalia Tarakanowa, Natur- und Erlebnispädagogik in Rußland, Olga Urwanzewa, Penkino, Projekt "Lichtblick", Sybille Menzel, Wladimir | Kommentar schreiben »
7. Februar 2010 von wladimirpeter

Kochkurs 2010 - In Aktion
Die diesjährigen Russisch-Deutschen Wochen an der VHS sind erfolgreich zu Ende gegangen. Bis auf einen Konversationskurs fanden alle Veranstaltungen statt, auch wenn die beiden vorgesehenen Dozentinnen, Marina Gajlit und Tatjana Kolesnikowa, aus Wladimir kurzfristig durch Ludmila Kondratenko, Natalia Grebnjew sowie Nadja und Peter Steger ersetzt werden mußten. Einen Rückblick auf den Kochkurs mit allen Rezepten zum Nachlesen bietet die von Nadja Steger zusammengestellte PDF-Datei Kochkurs 2010

Kochkurs 2010 - Festmahl
Aber schon bald geht es weiter: Wer dieses Mal zu spät gekommen ist, kann sich für den nächsten Kochkurs am Samstag, den 13. März, zum Thema „Russische Fastentage und das das Orthodoxe Ostern“ anmelden. Das ganztägige Seminar bereitet mit einer Kleingruppe von acht bis zwölf Personen russische Osterspezialitäten zu und bietet zugleich die Möglichkeit, ein wenig Russisch zu lernen, oder seine Kenntnisse aufzufrischen. Mit Wörterbuch und Kochlöffel ausgerüstet, entdecken Sie typisch russische Fasten- und Osterköstlichkeiten: Kulitsch backen, Paßcha zubereiten, Eier à la russe bemalen und vieles über die orthodoxen Traditionen und Rezepte erfahren Sie in diesem Seminar. Vorkenntnisse im Russischen sind nicht unbedingt erforderlich. Anmeldung an der VHS unter Tel.: 09131/862668 oder alexandra.rauhtaeschlein@stadt.erlangen.de.

Syrniki in der Pfanne
Wer aber so lange nicht warten will, kann sich ja schon einmal an den Syrniki (сырники von сыр =Käse) versuchen, die ähnlich wie unser Käsekuchen wenig mit Gouda & Co., aber viel mit Topfen und Quark zu tun haben. Diese Syrniki ißt man in Rußland übrigens gerne schon zum Frühstück, wie Gäste des Erlangen-Hauses bereits wissen.

Syrniki - russischer Quark
Zutaten: 250 g russischer Quark („Irina“ in der Wladimirstraße), 1 Ei, 2 EL Zucker, 1 Prise Vanillezucker, 1 Prise Salz, ½ Teelöffel Backpulver, 1 EL zerlassener Butter, ½ Glas Mehl (ca. 80 g), Rosinen nach Geschmack.
Zubereitung: Alles gut verrühren, Sonnenblumenöl in die Pfanne geben, aus dem Teig fast handtellergroße Teile formen, in zusätzlichem Mehl wälzen und dann im heißen Öl dunkelgold backen.

Syrniki - Serviervorschlag
Serviervorschlag: Mit saurer Sahne (am besten сметана aus dem Russischen Laden “Irina”) aber auch Konfitüre, Marmelade oder Honig servieren; am besten direkt aus der Pfanne essen, schmecken aber auch noch einige Zeit später, abgekühlt lecker.
Veröffentlicht in Essen und Trinken, VHS | Verschlagwortet mit Borschtsch, Kulitsch, Ludmila Kondratenko, Marina Gajlit, Nadja Steger, Natalia Grebnjew, Paßcha, Peter Steger, Piroggen, russische Küche, Russische Rezepte, russischer Laden Irina, Schtschi, Syrniki, Tatjana Kolesnikowa | Kommentar schreiben »
7. Februar 2010 von wladimirpeter

Dmitrij Kantow
In Wladimir ist er schon lange kein verkanntes Genie, kein Geheimtip mehr, hier schätzt man die Lyrik des Russischlehrers, der mittlerweile auch Priester des Erzbistums Wladimir im Fach Altkirchenslawisch unterrichtet. Und doch ist es für die Öffentlichkeit eine Überraschung, daß Dmitrij Kantow, der erst mit 42 Jahren zu schreiben begonnen hat, soeben von der renommierten Literaturzeitschrift “Swesda” aus St. Petersburg mit dem diesjährigen Dichter-Preis ausgezeichnet wurde. Kenner freilich haben damit durchaus gerechnet, stellen sie doch Dmitrij Kantow auf eine Stufe mit Alexander Kuschner, der über den Wladimirer Kollegen einmal gesagt hat: “So wie er, schreibt heute niemand mehr, kann niemand mehr schreiben.”
Nun ist Dmitrij Kantow der erste Wladimirer Träger der Auszeichnung, die im fünften Jahr vergeben wird, dotiert mit dem stattlichen Preisgeld von $ 50.000. Mit der Ehrung verbunden ist das Recht, der Jury zur Auswahl des Preisträges für das nächste Jahr vorzusitzen.
Die “Swesda” wurde im Dezember 1923 in Leningrad gegründet und bot auch in Sowjetzeiten erstaunlich viel Raum für kritische Geister, entwickelte im Bereich Literatur und Kultur fast so etwas wie eine Meinungsführerschaft ohne allzu enge ideologische Grenzen. Besonders verpflichtet sah man sich den Autoren, die mit dem Kommunismus nicht konform gingen und dennoch im Lande blieben. So fanden hier Dichter von Weltrang ihr Forum: Anna Achamatowa, Boris Pasternak, Olga Berggolz, Wassilij Schukschin, Osip Mandelstamm, Alexej Tolstoj, Nikolaj Sabolotskij, Jurij Kasakow… Später kamen Alexander Solschenizyn und Josef Brodskij hinzu. Die Zeitschrift machte aber auch Namen wie Antoine de Saint-Exupéry oder Isaak Singer erstmals dem russischen Leser in Übersetzung zugänglich. Unter den auch in Deutschland bekannten Schriftstellern, die zu den ständigen Autoren der “Swesda” gehören, findet sich übrigens auch Boris Strugazkij.
Damit auch der deutsche Leser nachvollziehen kann, warum und wofür Dmitrij Kantow den angesehenen Preis erhielt, anbei sein Gedicht “Облака” – “Wolken” in einer Übersetzung von Peter Steger.
Так низко белеют они
Над выступом горного склона,
Что можно погладить с балкона,
Лишь руку вперед протяни!
И мысль возникает о том,
Насколько искусственен все же
На фоне их купол с крестом,
И шпиль с полумесяцем — тоже.
Честнее признать, что пока
Еще ничего здесь не ясно…
Но как хороши облака!
Как сделаны — просто прекрасно!
So niedrig hängen sie und weiß, / die Kuppe des Bergs sie umstreichen, / sind fast mit der Hand zu erreichen / und ziehen so zart ihren Kreis.
Man denkt unwillkürlich daran, / wie kunstvoll sie doch gestaltet, / im Kreuz und im Kuppelgespann, / hinein in den Halbmond gefaltet.
Vielleicht tut auch durchaus recht, / wer sagt, nichts sei klar hier beschrieben… / Doch schön sind die Wolken, so echt! / Geschöpfe, so herrlich, zum Lieben!
Veröffentlicht in Kultur | Verschlagwortet mit Alexander Kuschner, Alexander Solschenizyn, Alexej Tolstoj, Anna Achmatowa, Boris Pasternak, Boris Strugazkij, Dmitrij Kantow, Isaak Singer, Josef Brodskij Antoine de Saint-Exupéry, Jurij Kasakow, Nikolaj Sabolotskij, Olga Berggolz, Osip Mandelstamm, Peter Steger, russische Literatur, Swesda, Wassilij Schukschin, Wladimirer Literatur | Kommentar schreiben »
6. Februar 2010 von wladimirpeter
Was William Shakespeare seinem Richard III in den Mund legte, klingt nach einem kollektiven Stoßseufzer der Wladimirer. Noch immer gibt es vereinzelt Wohnungen, wo das Thermometer im einstelligen Gradbereich festgefroren scheint, noch immer ziehen die Wartungstrupps durch eine Stadt, die erst allmählich wieder zum geregelten Alltag zurückfindet, deren Bürgern aber die vom Menschen gemachten Unbilden dieses Winters noch lange mißvergnügt in den Knochen stecken bleiben werden.

Leitungsleck
Welche Menschen und Instanzen nun aber die Schuld an dem Schlamassel der letzten acht Tage haben, will jetzt der Chefankläger der Stadt Wladimir, Alexander Popeljuch, möglichst gründlich erfahren. Der Staatsanwalt hat die Ermittlungen bereits an sich gezogen und läßt sich von dem Sperrfeuer aus dem Rathaus nicht beirren. Wie gestern hier berichtet, zeigt man ja dort mit dem virtuellen Finger auf die Betreiber des Heizkraftwerks, ohne freilich die alte Regel zu bedenken, daß beim ausgestreckten Zeigefinger drei andere Finger auf einen selbst zeigen, und das durchaus realiter. Grund für die fast eine Woche währende Eiszeit in einem Drittel der Wohnungen Wladimirs war nämlich nicht allein die Havarie der Hauptleitung und deren nicht fristgerechte Behebung durch das Versorgungsunternehmen. Hier nahm das Unglück nur seinen Anfang und Lauf. Entscheidend für den flächendeckenden Heizungsausfall waren hingegen die Hausanschlüsse, die unsachgemäß genutzt und mangelhaft gewartet waren: ein Versäumnis der Stadtverwaltung, ein sträfliches!

Alexander Popeljuk
Alexander Popeljuk faßt es so zusammen: “Es fehlten die Drainageöffnungen. Will sagen, in den Häusern, wo man die Drainageöffnungen angebracht hatte, wurden die Heizungen gleich nach Dichtung des Lecks in der Hauptleitung wieder warm. Da, wo sie fehlten, fror buchstäblich alles ein. Außerdem haben wir festgestellt, daß ein Teil der Anschlüsse und oberirdischen Verteilerrohre nicht in der vorgeschriebenen Weise isoliert war und in erheblichem Umfang keinem vorherigen Wasserdrucktest unterzogen wurde.” Daher dann also die vielen “Geysire”. Und jetzt kommt’s: Diese Anschlüsse und Verteilerleitungen gehören der Stadt, der Fernwärmeversorgungsbetrieb nutzt sie nur als “Mieter”. Aber laut Vertrag sind beide Seiten für die Wartung dieser Rohre zuständig. Unterschrieben hat den der stellvertretende Leiter des Fachressorts im Rathaus, Wladimir Nowoschilow, ebenso wie die amtliche Bestätigung darüber, daß das Leitungssystem für die Heizsaison getestet und tauglich sei. Da hätte er wohl besser genauer hingesehen, denn nun muß er für die Fehlleistung eine Anklage wegen “Schlamperei” gewärtigen, die ihn mindestens 120.000 Rbl. bis hin zu drei Monaten Haft eintragen kann, wenn sich nicht noch herausstellen sollte, daß wegen der ausgefallenen Heizung jemand an Leib und Leben zu Schaden kam. Das würde dann ganz andere Sanktionen nach sich ziehen… Acht weitere Bußgeldverfahren laufen ebenfalls gegen die Betreiber des Heizkraftwerks, wobei die Staatsanwaltschaft darauf achten will, daß etwaige Strafen nicht zu Lasten der ohnehin schon unschuldig gestraften Abnehmer der Fernwärme gehen, sprich von dem Konzern via Heizkostenrechnung auf die Verbraucher “umgelegt” werden.

Die Katze auf dem heißen Blechrohr
Bei all dem wird es aber nicht bleiben. Das hat der Rücktritt von Jewgenij Karpow dieser Tage gezeigt. Schon fragt sich die Staatsanwaltschaft, warum die Stadtverwaltung so lange mit Auskünften über das wahre Ausmaß der “größten technogenen Katastrophe in der Geschichte Wladimirs” hinterm Berg gehalten, warum es keine klare Kommandostruktur bei der Behebung der Schäden gegeben habe. Da nimmt es nicht wunder, wenn in Internetforen der Rücktritt nicht nur von Beamten aus dem zweiten Glied gefordert wird, ob freiwillig oder unter Druck. Schneller als ihnen lieb sein kann, werden sich deshalb wohl auch Gouverneur Nikolaj Winogradow und Oberbürgermeister Alexander Rybakow dem Volkszorn und möglicherweise den Fragen des Staatsanwalts stellen müssen - und sei es nur deswegen, weil sie erst am sechsten Tag persönlich im “Tal der Geysire” erschienen, um vor laufender Kamera das Heizungsventil für ein Haus öffneten. Spät, möglicherweise zu spät. Und was mit dem geschieht, der zu spät kommt, wissen wir, seit Michail Gorbatschow (bzw. sein Dolmetscher) das Bonmot vor über 20 Jahren in Umlauf brachte.
Aber geben wir besser nochmals William Shakespeare das Wort, der just in der Kommödie “Wie es euch gefällt” ein Lied anstimmen läßt, das so manchem in Wladimir gar nicht mehr gefallen dürfte:
Stürm, stürm, du Winterwind!
Du bist nicht falsch gesinnt,
wie’s Menschenundank ist.
Dein Zahn nagt nicht so sehr,
weil man nicht weiß, woher,
wiewohl du heftig bist.
Veröffentlicht in Vermischtes | Verschlagwortet mit Alexander Popeljuk, Alexander Rybakow, Fernwärme Rußland, Fernwärme Wladimir, Gouverneur Nikolaj Winogradow, Michail Gorbatschow, Richard III, technogene Katastrophen, Wie es euch gefällt, William Shakespeare, Wladimir Nowoschilow | 1 Kommentar »
5. Februar 2010 von wladimirpeter

Tal der Geysire
Nun hat es offenbar doch noch geklappt. Die Löcher sind gestopft, die Geysire blasen keinen Dampf mehr in die Winterluft, die Wohnungen werden nach mehr als einer Woche Kälteschockstarre wieder warm, Kindergärten und Schulen öffnen ihre Pforten. Aber nichts in Wladimir wird mehr so sein wie vorher. Die selbstverschuldete Eiszeit wird Politik und Öffentlichkeit noch lange beschäftigen, und die Justiz hat ihre Ermittlungen aufgenommen. Die wird viel zu tun haben, denn ein Opfer – wie bei Kriegen und anderen anthropogenen Katastrophen schon gesetzmäßig üblich – ist bereits zu beklagen: die Wahrheit. Es stellt sich nämlich erst jetzt, wo der Dampf sich lüftet, heraus, daß es nicht nur 30.000 Menschen waren, die im Kalten ausharren mußten, sondern praktisch ein Drittel der Bevölkerung, und das wären deutlich über 100.000, um einiges mehr als Erlangen Einwohner hat. Sage und schreibe 24 Schulen, 21 Kindergärten und acht Krankenhäuser waren zeitweise von der Wärmeversorgung abgeschnitten.

Wladimirer Heizkraftwerk
Die Stadtverwaltung hat unterdessen die Schuldfrage für sich geklärt und will nun wohl auch die Ermittler auf die richtige Spur setzen. Auf der Homepage der Partnerstadt heißt es, verursacht habe die Misere das Heizkraftwerk, wo bereits im Dezember eine Dampfleitung geplatzt sei. Mit anderen Worten, es gab Vorboten für den Kollaps des Fernwärmesystems, er hätte vermieden werden können, wenn nicht so geschludert worden wäre. So ermittelt denn auch die Staatsanwaltschaft schon gegen den stellvertretenden Leiter des Versorgungsunternehmens wegen des Vorwurfs der Schlamperei. Hätte man das mal nur schon früher getan! Erst jetzt wird nämlich bekannt, daß die Stadt bereits damals beinahe eingefroren wäre. Eine gewaltige Menge Dampfes sei unter hohem Druck ausgetreten, ein Maschinenraum sei mit Heißwasser regelrecht geflutet worden, weshalb zwei Generatoren vom Netz gegangen seien. Ein Reservegenerator, so die späte Mitteilung, sei nicht angesprungen, was zu einem raschen Temperaturabfall im Fernwärmesystem geführt habe – und das bei fast -20° C. Auch wenn es damals noch im letzten Moment gelang, das Schlimmste zu verhindern, so war doch klar, daß das gasbetriebene Heizkraftwerk mit seinen beiden das Weichbild der Stadt prägenden Schlöten erhebliche Mängel aufwies, die zu beheben die Stadtverwaltung helfen mußte.

Oberirdische Fernwärmeleitungen
Die nun wollte ihre Wladimirer nicht beunruhigen, machte kein großes Aufhebens um den Vorfall und glaubte im übrigen den Versicherungen der Geschäftsleitung des Betreibers, der aus Nischnij Nowgorod kommt, man werde alle Mängel beheben und könne die Wärmeversorung der Stadt für den Rest des Winters garantieren. Was daran Wahrheit und Dichtung, das liegt jetzt auf der Hand. Offenbar fehlten dem Energielieferanten dieser Tage sogar die Einsatzkräfte zur Behebung der Schäden am Leitungssystem. Man hatte vor einiger Zeit einen ganzen Trupp entlassen. Nun mußte wieder die Stadt einspringen, und sogar aus der ganzen Region waren Hilfskräfte nach Wladimir gekommen. Sogar an die Industriebetriebe seiner Stadt hat sich Alexander Rybakow um Hilfe gewandt. Ganze Schichten von Schweißern und anderen Handwerkern – insgesamt etwa einhundert, aufgeteilt in zehn mobile Brigaden -, die ohnehin auf Kurzarbeit sind, rücken aus und den maroden Leitungen zu Leibe, bezahlt aus Bundesmittlen für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Ihre Hauptaufgabe: die Isolierung der insgesamt gut acht Kilometer langen oberirdischen Fernwärmeleitungen, dem anfälligsten Schwachpunkt des Systems. Wie unsachgemäß das bisweilen geschieht, war vorgestern im Hof des Erlangen-Hauses zu besichtigen. Gottlob mit glimpflichem Ausgang (s. Eintrag vom 3. Februar 2010 und vorangehende zum Thema).
Das Heizkraftwerk freilich will das nicht auf sich sitzen lassen. Dort bereitet man einen Katalog mit dreizehn Gegenargumenten vor. Was auch immer vorgebracht wird, man darf mutmaßen, daß die Stadtverwaltung ihrer Aufsichtspflicht nicht im nötigen Umfang nachgekommen ist. Und so wird es am Ende wohl so sein, wie Gouverneur Nikolaj Winogradow salomonisch bereits bei einem Ortstermin im “Tal der Geysire” hat verlauten lassen: “Es ist wohl keiner ganz ohne Schuld an diesem Zusammenbruch.”
Nachtrag: Das “Tal der Geysire” gibt es übrigens auch als Naturphänomen, freilich viele Tausend Kilometer von Wladimir entfernt – auf der Halbinsel Kamtschatka.
Veröffentlicht in Vermischtes | Verschlagwortet mit Alexander Rybakow, Fernwärme Rußland, Fernwärmeversorgung Wladimir, Nikolaj Winogradow, Tal der Geysire, technogene Katastrophen, Wladimirer Heizkraftwerk | 2 Kommentare »
4. Februar 2010 von wladimirpeter

Dieter Wenzel und Swetlana Makarowa
Im Mai vergangenen Jahres hat Dieter Wenzel seine vorerst letzte Visite im Kinderkrankenhaus Wladimir gemacht, das er seit 1990 wie kein anderer Mediziner aus Erlangen kennt und unterstützt. Und doch entdeckte er dort viel Neues, denn Ziel seines Besuches war, insbesonders die erst unlängst eingerichtete Krebsstation in Augenschein zu nehmen, die von den Soroptimist Klubs der Partnerstädte, dem Verein Brücken, der Reformierten Gemeinde, der Klasse von Christine Delfs der Heinrich-Kirchner-Schule und vielen Familien unterstützt wird. Wie notwendig diese Hilfe trotz der großen Fortschritte bei der medizinischen Ausstattung ist, zeigten räumliche Enge und bedrückende bauliche Zustände. Doch wie immer, wenn der Erlanger Pädiater nach Wladimir kommt, gibt es viel Anlaß zur Freude. Dieses Mal besonders über das Angebot des Besuchers, für Fachärzte wieder Hospitationen an der Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Erlangen zu ermöglichen. Dieses Mal mit dem Schwerpunkt Onkologie. Für Ende Februar haben nun drei Medizinerinnen, darunter die Chefärztin, Swetlana Makarowa, ihren Besuch angekündigt. Man wird dann allerdings nicht nur fachsimpeln, sondern auch einen schönen Anlaß haben, etwas nachzufeiern: den heutigen 65. Geburtstag des Gastgebers.
Er kam, sah und half. Dieter Wenzel, Professor an der Klinik für Kinder und Jugendliche an der Friedrich-Alexander-Universität, gehörte 1990 zu einem ersten medizinischen Erkundungstrupp, der gar nicht recht einordnen konnte, was er in Wladimir antraf: Handelte es sich hier um ein medizinisches System kurz vor dem Zerfall oder gerade nach dem totalen Kollaps. Es fehlte an allem, von Verbandszeug über Medikamente bis hin zu funktionierenden Geräten. Doch bei aller Not war nicht zu verkennen, daß das Team um Tatjana Zwetkowa, die damalige Chefärztin des Kindernotfallkrankenhauses, alles Menschenmögliche (und manchmal noch viel mehr) tat, um den kleinen Patienten ihr Leiden zu erleichtern und nach Maßgabe der beschränkten Möglichkeiten sogar zu heilen.

Inkubatoren Kinderkrankenhaus Wladimir
Dieter Wenzel wurde rasch zu einer tragenden Säule der Aktion “Hilfe für Wladimir”. Zusammen mit weiteren Kollegen – darunter der leider viel zu früh verstorbene Karl-Heinz Herzog – schickte der Leiter der Neuropädiatrischen Abteilung ein komplettes Labor nach Wladimir, organisierte Inkubatoren für die Frühgeborenen, kümmerte sich um technischen Ersatz für die dürftige Ausstattung in Wladimir. Vor allem aber ermöglichte er eine Vielzahl von Hospitationen für die russischen Ärzte, in deren Verlauf sie sich wieder an den westlichen Standard annähern konnten. Bahnbrechend für Wladimir war die Einführung der Bauchfelldialyse, die heute auch in anderen Krankenhäusern der Partnerstadt Anwendung findet und jährlich Dutzende von Leben rettet.
Gerade diese fruchtbaren medizinischen Verbindungen schufen ein Vertrauensverhältnis, das erst so etwas Einmaliges wie die städtische “Restpfennigaktion” (s. im Blog Kategorie “Humanitäre Hilfe”) möglich machte. Gemeinsam mit Jürgen Üblacker, Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, der den Fachmann für Epilepsie vor 20 Jahren für Wladimir “geworben” hatte, ist Dieter Wenzel das Gesicht der Aktion “Hilfe für Wladimir”. Auch außerhalb des engeren klinischen Bereichs war er stets zur Stelle, wenn es um humanitäre Unterstützung für die Partnerstadt ging, sei es daß er half, einen Wohltätigkeitsball zu organisieren oder an der Volkshochschule einen Vortrag über die medizinische Versorgung in Wladimir zu halten.

Swetlana Makarowa, Peter Steger, Dieter Wenzel bei Spendenübergabe
Novalis hat einmal gesagt, ein Kind sei sichtbar gewordene Liebe. In wie vielen Kindern, die er hier und dort geheilt hat, lebt wohl die tätige Liebe dieses großen Arztes weiter! Wie viele Kinder verdanken wohl überhaupt erst ihm ihr Leben und damit später auch die Liebe ihres Lebens und die ihr entspringenden Kinder, diese sichtbar gewordene Liebe… Wer wollte sie zählen! Liebe ist eben doch das einzige, was wächst, indem man es verschwenderisch verschenkt! Wladimir sagt heute einem Helfer in der Not спасибо und dankt einem Menschen, der helfend zum Freund wurde. Der Blog gratuliert einem großartigen Mediziner, der die Partnerschaft mit dem Herzen sieht und ihr deshalb gewiß auch über seine bevorstehende Emeritierung hinaus verbunden bleibt.
Veröffentlicht in Gesichter der Partnerschaft, Humanitäre Hilfe / Rot-Kreuz-Zentrum | Verschlagwortet mit Christine Delfs, Dieter Wenzel, Hilfe für Wladimir, Jürgen Üblacker, Karl-Heinz Herzog, Peter Steger, Reformierte Gemeinde, Soroptimist Erlangen, Swetlana Makarowa, Tatjana Zwetkowa, Verein Brücken | 1 Kommentar »
3. Februar 2010 von wladimirpeter

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, daß sich ganz Wladimir in eine dampfende Landschaft à la Island verwandelt, kommt soeben aus dem Erlangen-Haus die Meldung von einem Geysir auf dem Parkplatz des Anwesens. Bei Reperaturarbeiten an der Fernwärmeleitung, die durch das Gelände des Erlangen-Hauses verläuft, sind die Montagetrupps auf die erstaunliche Idee verfallen, das Rohr mittels eines Lagerfeuers wieder durchlässig zu machen.
So traktiert zu werden, nahm die Leitung den Heizern krumm und platzte mit dem Ergebnis, daß sich eine drei Meter hohe Fontäne heißen Wassers über den Hof des Erlangen-Hauses ergoß. Glücklicherweise parkte dort zu der Zeit kein Auto, hielt sich dort niemand auf. Und noch mehr Glück im Unglück: Es gelang verhältnismäßig rasch, das Leck zu dichten. Andernfalls stünde zumindest der Keller des Erlangen-Hauses längst unter Wasser.

Bis an die Treppe des Hintereingangs war es ja schon gedrungen… Heute ist dort schweres Gerät im Einsatz, um weitere Rohrbrüche zu verhindern. Das Erlangen-Haus ist übrigens weiter beheizt, hat es doch einen von Robert Niersberger vor fünfzehn Jahren gespendeten und immer wieder von Josef Schmitt gewarteten Kessel im Keller stehen. Da ist mal wieder ein herzliches Wort des Dankes angebracht.
Veröffentlicht in Erlangen-Haus | Verschlagwortet mit Erlangen-Haus, Josef Schmitt, Robert Niersberger | 1 Kommentar »
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