Ende Oktober und Anfang November drängeln sich im russischen Kalender regelrecht die Gedenktage. Am 4. November werden Kusma Minin und Dmitrij Poscharskij geehrte, die in der Zeit der Wirren nach dem Tod von Iwan dem Schrecklichen einen Volksaufstand angeführt und Moskau von den Polen und Litauern befreit haben. In Susdal hat man zu dem Datum große Pläne geschiedet, die im Blog noch rechtzeitig vorgestellt werden sollen. Doch uns ist die Partei „Einiges Rußland“ zuvorgekommen, was nicht weiter verwundert, spielt sie doch ohnehin mit dem eigenen Volk Hase und Igel. Wundern darf man sich allerdings über die Chuzpe, mit der die Einheitspartei vorgeht. Ein Lehrstück in moderner russischer Parteigeschichte:
Nach Umfragen weiß nicht einmal die Hälfte der Russen, welchen Feiertag sie am 4. November überhaupt begehen. Dies nahmen die Wladimirer Kader der Kremlpartei zum Anlaß, zwei Dinge zu erklären: Erstens – was gefeiert wird, und zweitens – dank wem. Dabei schien weniger wichtig, daß die Kinder, denen man das Einmaleins der Geschichte beibringen wollte, noch lange nicht zur Wahlurne gehen werden. Wichtig schien vielmehr, sie wissen zu lassen, wen man zu wählen hat. Dabei entwickelten die Politiker ein frapierendes Maß an Kreativität. Man lese und staune.
Man hatte die Kinder unmittelbar von der Schulbank weg in den Kulturpalast gebracht, ohne ihnen oder den Eltern den Grund zu erklären. Eines von ihnen klagte sogar: „Schade, daß Deutsch ausfällt, aber im Kulturpalast wird es wohl interessanter sein.“
„Im Land brach eine dynastische Krise aus, Rußland hatte keinen Herrscher mehr“, begann mit viel Pathos im Stil einer Heldenlegende die Geschichtsstunde. Entsprechend seicht und schlicht die weitere Darstellung der schwierigen Lage, wie sie vor vier Jahrhunderten in Moskau herrschte. Für die Aufständischen sind alle tapferen, mannhaften und rechtgläubigen Russen, gegen sie unsere Feinde: „Der ganze Abschaum, das ganze Gesindel, alle Verräter scharten sich damals um den Pseudo-Demetrius. Dessen schimpfliches Heer wuchs an unter der Ägide des falschen Glaubens…“

Pseudo-Demetrius
Kurz und schlecht, alle Russen, die auf Seiten des Pseudo-Demetrius und der Polen kämpften waren nur der Auswurf des Volkes, gehörten gar nicht zu dem Volk, dessen Einheit am 4. November ja eigentlich gefeiert werden soll. Bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und vereinfacht stellt sich diese hochkomplizierte Periode in der russischen Geschichte dar, wenn sie von der Partei „Einiges Rußland“ präsentiert wird. Nach kaum einer halben Stunde fällt der Vorhang, und die folkloristischen Hemden machen dem feschen Anzug eines Conférenciers Platz, der eine ebenso simple Darstellung der politischen Gegenwart parat hat:
„Die Partei Einiges Rußland ist es, die jetzt an der Spitze des Landes steht, und die Partei Einiges Rußland ist es, die für die Gegenwart und Zukunft des Landes verantwortlich ist.“ Der Vorsitzende der Wladimirer „Jungen Garde“, der rußlandweiten Jugendorganisation von Einiges Rußland, Alexander Zyganskij, sitzt in der Regionalduma und erklärt die Welt auf seine Weise, aus Sicht der allwissenden Partei: „Seit dem 17. Jahrhundert beging man in ganz Rußland den Tag der Einheit des Volkes. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Fest mit dem Aufkommen der Bolschewiken vergessen, es traten neue Führer auf, neue Feiertage wurden eingeführt. Die Partei Einiges Rußland hat nach 70 Jahren beschlossen, die historische Gerechtigkeit wiederherzustellen.“
Nach der „Lehrstunde“ schüttelten die Lehrer den Kopf. Der erste Teil der Veranstaltung sei ja noch einigermaßen in Ordnung gewesen, die Kinder hätten gewußt, wovon die Rede war, aber was der zweite, der politische Teil sollte, konnte und wollte man sich nicht erklären. „Im Publikum saßen ja vor allem Kinder der unteren Klassen. Da hat der zweite Teil niemanden vom Sessel gerissen…“
Doch damit nicht genug: Diese Art von Geschichtsunterricht und Parteiwerbung kann auch noch einträglich sein. Die Schüler hatten nämlich pro Nase 40 Rubel, immerhin fast einen Euro, für das Spektakel zu zahlen. Das muß man erst einmal nachmachen. Die herrschende Partei in einem Land nimmt sich nicht nur die Macht, sondern läßt sich auch noch dafür bezahlen, daß sie ihre Ideologie unters Volk – und sei es auch nur das Jungvolk – bringt. So perfide sind ja nicht einmal die Kommunisten vorgegangen. Oder ist man vielleicht doch nach der Devise verfahren: Von den Kommunisten lernen, heißt herrschen lernen? Jetzt können die Kommunisten von uns kassieren lernen.
Das Motto der Veranstaltung lieferte übrigens unfreiwillig Wladimir Majakowskij, ein ehemaliger Propagandist des Kommunismus, der später am Terror des sozialistischen Alltags zerbrach: „Mit blauen Augen blickt das Morgen-Rußland in den Himmel“. Das Geheimnis der Organisatoren bleibt es, warum die Millionen Russen mit brauen, grünen oder schwarzen Augen – von den Albinos ganz zu schweigen – an der Zukunft ihres Landes nicht teilhaben sollten. Und das am Vorabend des „Festes der Einheit des Volkes“. Dann gute Nacht, Rußland.
Man kann nur hoffen, daß Dmitrij Medwedjew als Präsident aller Bürger Rußlands – gleich welcher Augenfarbe – zum 4. November ähnlich klare und kluge Worte findet, wie er das zum 30. Oktober getan hat. Andernfalls regiert er bald über ein gespaltenes Land, denn es gibt schon wieder viel zu viele Politiker, die nach der Devise vorgehen: divide et impera. Oder haben die gar schon gesiegt? Denn sind es nicht immer die Sieger, die die Geschichte (um-)schreiben?